Laufsteg zu den Oscars

von Redaktion

Am Sonntag werden wieder die Goldmänner verliehen – wie sich die Mode auf dem roten Teppich veränderte

VON KATJA KRAFT

Wenn schon Oscar-Verleihung, dann aber richtig. Die Sängerin Björk wusste bei ihrer Nominierung für den besten Filmsong im Jahr 2001, dass es vermutlich ihre einzige Einladung zu diesem gigantischen öffentlichen Ereignis sein würde. Und weil die vogelwilde Isländerin die goldene Regel des roten Teppichs – Aufmerksamkeit generieren! – im Schlaf aufsagen kann, ließ sie sich ein entenvogelwildes Kleid schneidern. Wie ein Schwan sah der aufgeplusterte Traum in Weiß aus, in dem Björk zur Preisverleihung flatterte. Um in der filigranen Kreation vollends zum lebenden Kunstwerk zu werden, legte Björk vor versammelter Presse gleich noch ein großes Ei. Die Sicherheitskräfte sammelten es zwar fix ein, ihr Ziel aber hatte Björk erreicht: alle anderen Stars an diesem Abend zu überflügeln und sich einen Platz in der Popgeschichte zu sichern.

Längst geht es bei den Oscars, die am Sonntag zum 95. Mal vergeben werden, ja nicht mehr bloß darum, Filme zu feiern. So hatte das tatsächlich einmal angefangen, 1929. Bei einem Dinner in Abendkleidung zelebrierte die Filmindustrie sich selbst. Über die Jahre wurden die Oscars ein von den großen Studios befeuertes Medienevent. Weil eben diese Studios wissen, dass sich hier trefflich für Filme werben lässt. Und die Schauspielerinnen und Schauspieler, dass eine kluge Inszenierung am Gala-Abend den eigenen Marktwert steigert.

Spannend, was in den vergangenen Jahrzehnten gefeiert, was als Fauxpas niedergemacht wurde. Mode passiert eben nie im luftleeren Raum, Mode ist über den persönlichen Geschmack hinaus immer auch Ausdruck des Zeitgeists. Und deshalb ist der neue Bildband, in dem Dijanna Mulhearn sich die Fashiongeschichte der Academy Awards vornimmt, ein sehr lesens- und sehenswerter Rückblick auf gesellschaftliche Entwicklungen seit den Zwanzigern.

Sparsamkeit dominiert die Oscars in Zeiten von Wirtschaftskrise und Weltkrieg. In den Fünfzigern dann ein Meer aus weißen Pelzen, üppigem Schmuck. Spitze wird der Modeliebling, nackte Rücken sorgen für Verruchtheit. Je mehr das Wirtschaftswachstum alle verwundert, desto ausgefallener werden die Kleider. Ab 1953 überträgt das Fernsehen die Oscars, ab 1961 auch die Ankunft der Stars auf dem roten Teppich. Klar, dass sich alle nun noch mehr anstrengen, sollt’ für die Augen der Welt halt schon was Schickes sein.

Während anfangs Hollywoods Kostümbildnerinnen und -bildner die Kleider schneidern, erkennen Designer wie Dior und Givenchy das enorme Werbepotenzial. Stars werden von ihnen zu Markenbotschaftern aufgebaut. Sie lassen sich das gern gefallen. Spätestens seit 1995. Von da an steht Modekritikerin Joan Rivers vor dem Dolby Theatre. Ihre scharfen Kommentare werden gefürchtet – der Beginn von professionellen Stilberatern für die verunsicherten Schauspielerinnen und Schauspieler.

Wer durch das Buch blättert, hätte gern eine gute Fee, die einem die fantastischen Roben bitte sofort in den Kleiderschrank zaubert. Besonders die der Neunziger, 2000er. Avantgardistische Kreationen, Kunst auf zwei Beinen. Seit Internet, Social Media, Hashtags für Protestaktionen fordert man auch von den Stars nicht mehr bloß Unterhaltung sondern immer mehr Haltung. Es wird bunter, es wird diverser. In seiner Frack-Robe sprengte Billy Porter 2019 sämtliche Geschlechterrollen.

Wer am Sonntag – ProSieben überträgt ab 23.30 Uhr – abräumt, wird sich zeigen. Aber manchmal erzählen gar nicht die Filme die besten Geschichten. Manchmal stecken sie in der roten Schleife am Revers, den Blumen im Haar, dem Schriftzug auf dem Stoff. Genau hinschauen lohnt. Und ist zu schön.

Dijanna Mulhearn:

„Oscars. Glamour auf dem roten Teppich“. Prestel, München, 480 S.; 59 Euro.

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