„Mein Baby gehört zu mir!“, sagt Tänzer Johnny Castle zu Dr. Jake Houseman und läutet damit das legendäre Finale von „Dirty Dancing“ ein. Und endlich kann man es spüren: „I’ve had the Time of my Life“ – die beste Zeit des Lebens. Bis dahin wollte der Spirit des Musicals bei der Premiere im Deutschen Theater am Donnerstag nur bedingt überspringen. Als 1987 „Dirty Dancing“ mit Jennifer Grey und Patrick Swayze in die Kinos kam, war das die Geburtsstunde eines Kultfilms: Bis heute bezaubert die Liebesgeschichte zwischen Baby Houseman, Arzttochter und Weltverbesserin, und Johnny Castle, dem coolen Tanzlehrer aus einfachen Verhältnissen. Die britische Drehbuchautorin Eleanor Bergstein entwickelte daraus ein Musical, das bereits 2005 uraufgeführt wurde und jetzt in München gastiert.
Dabei begann bei der Premiere alles vielversprechend: Man war sofort drin, in diesem Sommer 1963, dem letzten einer vermeintlich guten alten Zeit, noch vor der Ermordung John F. Kennedys. Man fühlte sich im Kellerman’s Resort gemeinsam mit der Familie Houseman – Vater Jake, Mutter Marjorie, der naiven Lisa und Mauerblümchen Frances „Baby“ – begrüßt. Gekonnt wurde der Blick auf den See Lake Lure von der Hotelterrasse suggeriert, die Klamotten der Protagonisten verblüfften, so nah sind sie am Original samt Ringelshirt, Lederjacken, Sonnenbrillen und weit schwingenden Röcken (Set-Design: Federico Bellone, Kostüme: Jennifer Orwin).
Und dann ging’s in der Handlung Schlag auf Schlag: Nach gefühlt fünf Minuten sagte Baby bereits zu Johnny ihren Fremdschäm-Satz: „Ich habe eine Wassermelone getragen.“ Bis zur Pause konnte Baby tanzen – „dein Tanzbereich, mein Tanzbereich“ –, war der Auftritt im Hotel ohne Hebefigur absolviert, hatte Penny ihren verpfuschten Schwangerschaftsabbruch durchlitten, war Kellner Robby als fieser Typ entlarvt, und Baby und Johnny verbrachten die erste Nacht zusammen. Zusätzlich hatte Eleanor Bergstein es noch mit einer Extra-Szene geschafft, auf die schwarze Bürgerrechtsbewegung aufmerksam zu machen, inklusive Auszügen aus der Rede von Martin Luther King, wozu Sängerin Bente Mulan Nanayakkara „We shall overcome“ schmetterte. Wozu? Als Versuch, der Story mehr Tiefe zu verleihen?
Der kultige Soundtrack wurde derweil nur teilweise live gesungen, aus dem Ensemble beeindruckte vor allem Benedikt Ivo als Johnnys Cousin Billy. Neue Nummern wurden hinzu gefügt, etwa ein Duett zwischen Babys Mutter (Masha Karell) und ihrer besseren Hälfte Dr. Houseman (Martin Sommerlatte). Für die besten Momente sorgte aber das großartige Tanzensemble. Johnny-Darsteller Máté Gyenei, dessen entblößter Waschbrettbauch im Publikum die Mädels laut juchzen ließ, harmonierte gut mit Baby-Schauspielerin Deike Darrelmann, wobei beide in den Dialogen unauffällig blieben.
Zusammengefügt funktionieren die einzelnen Hochglanz-Komponenten aber nicht ganz wie gewollt. In den Schlüsselszenen können sich die Figuren kaum entwickeln, die zusätzlichen Szenen schränken sie weiter ein. Weniger wäre wahrlich mehr gewesen – auch um all jene, welche den Kultfilm noch nie oder nur ein Mal gesehen haben, nicht zu überfordern. Dennoch viel Jubel und Standing Ovations.
Weitere Vorstellungen
bis 26. März;
Telefon 089/55 234 444.