Rund 25 Minuten lang schaukelt das symphonisch dahin. Mal hochfahrend im Kopfsatz, später wird’s tänzerisch, sogar „religioso“. Doch dann wird der Vorhang weggezogen. Chor, drei Solisten, mächtig rauscht das, als ob bei Felix Mendelssohn Bartholdys zweiter Symphonie, dem „Lobgesang“, erst jetzt der Knoten platzt.
Man kann es allerdings auch so begreifen wie Dirigent Paavo Järvi: In der Isarphilharmonie singen die Münchner Philharmoniker von Anfang an. Ohne Worte, „nur“ mit ihren Instrumenten, sogar im Blech. Als sei es die selbstverständlichste Sache der Welt, lässt Järvi das Orchester kantabel phrasieren. Extrem flexibel ist das Ensemble unterwegs, ermuntert von einem Pultmann, der über eine der coolsten, abgeklärtesten Schlagtechniken verfügt. Und wenn dann der Philharmonische Chor erstmals „Alles, was Odem hat“ ausruft, dann ist das wie eine natürliche Erweiterung der ersten Symphonie-Hälfte.
Auch hier: kein Druck; nie singt der Chor am Anschlag. Und wenn es zum Beispiel später an die zweite Strophe im Choral geht, wo andere die Truppen gern im Unisono powern lassen, dimmt das Järvi immer wieder in die Entspannung. Eine Deutung ist das, die Dramatik und Spannung nicht mit Pathos verwechselt. Tenor Patrick Grahl passt dazu, er meidet das Opernhafte. Chen Reiss (Sopran) wagt sich einen Schritt weiter vor, mit Marie Henriette Reinhold (Mezzo) ergänzt sie sich ganz ausgezeichnet. Vor einem Jahr hatte Järvi am selben Ort noch ein arg schmuckloses Brahms-Requiem abgeliefert, der Mendelssohn gerät ihm – abgesehen von zwei, drei diffusen Momenten – nun zur Modell-Aufführung.
Vor der Pause mit Arvo Pärt ein Gruß aus Järvis estnischer Heimat. Die sich verschiebenden Flächen im „Swansong“ tönen nicht nach Eso-Trip, sondern glasklar, wie säkularisiert. In der dritten Symphonie, die noch vor Pärts spiritueller Phase entstand, erlebt man den gewieften Orchester-Beschäftiger. Mit aparten Bläsermixturen bis zum Tutti mit Dies-Irae-Anklängen. Die Philharmoniker tauchen das in warme Klanglichkeit, lassen sich von Järvi gern ermuntern – man versteht sich eben.