Natürlich kann man in „Memento Mori“ die verzehrende Melancholie und tiefgründige Düsternis hören, die Depeche Mode zuletzt so elegant kultiviert haben. Und den Schauern aus Traurigkeit nachspüren, wenn man darüber sinniert, dass dieses 15. Studioalbum der britischen Synthie-Popper eigentlich in gewohnter Dreier-Besetzung Dave Gahan, Martin Gore, Andrew Fletcher geplant war. Es erscheint am Freitag, gut sechs Jahre nach der jüngsten Scheibe „Spirit“.
Alle Songs waren fertig geschrieben, ausdiskutiert, menschlich ausbalanciert – gerade letztere Aufgabe fiel Fletcher zu. Die beiden anderen Mitglieder verbindet ja bis heute eine kreative Hassliebe: Gore, der geniale Sound- und Textbastler mit engelsgleicher Stimme, und Gahan, der unvergleichliche Sänger mit Hang zum Narzissmus. Aber Fletcher, der dritte Mann, war ihr Vermittler. Er hat es nicht mehr mit ins Studio geschafft. Der 60-Jährige starb im Mai 2022. Riss in der Hauptschlagader, es ging ganz schnell.
Mal abgesehen vom Album-Titel, der die Sterblichkeit betont, wirkt in diesem Licht auch mancher Song wie eine Prophezeiung. „Ghost again“ etwa, die erste Auskopplung, ist eine tanzbare Ermahnung, die Zeit auf Erden sinnig zu nutzen. Oder die Ballade „Soul with me“: Fast tröstlich wirkt da die Akzeptanz des Vergehens, wenn Gore singt „I’m ready for the final Page.“
Mit „Wagging Tongue“ könnte die 1980 gegründete Kultband neue Fans gewinnen. Das gefällig konstruierte, sozialkritische Stück zum Thema Lügen und üble Nachrede ist Ergebnis der seltenen kompositorischen Zusammenarbeit zwischen Gore und Gahan. Nahezu sardonisch wirkt dann „Caroline’s Monkey“, das von Drogenmissbrauch erzählt. Der Antikriegssong „My Cosmos is mine“ steht für sich: eine düster-dröhnende, kompromisslose Anklage gegen Kriegstreiberei.
Dazwischen gibt es etliche Liebhaber-Stücke wie „People are good“ (es geht um Selbsttäuschung), „Before we drown“ aus der Feder von Gahan oder das sehnsüchtige „Always you“. Will heißen – im Synthie-Teppich verbergen sich oft wertvolle Klangthemen, Emotionen und Botschaften. Hinhören lohnt.
Intelligent ist das alles produziert und zeugt von einem klugen Schritt zurück: viel Synthie und Drums natürlich, aber weniger Gitarre, dafür lieber mal ein paar Streicher. Und es keimt Hoffnung, dass Depeche Mode mit „Memento Mori“ zwar an Sterblichkeit erinnern, ihr Album aber nicht das Ende ist.
Depeche Mode:
„Memento Mori“ (Columbia Records).