„Einer wie Keith Jarrett“: Wer so beworben wird, muss in München nicht mehr in die Unterfahrt ausweichen, der kriegt auch das Prinzregententheater gut voll. Seit der armenische Pianist Tigran Hamasyan Mitte der Nullerjahre als Wunderkind auf der Szene auftauchte, hat er vieles ausprobiert. Nun also Standards im Trio, an deren Ausdeutung sich auch Jarrett jahrzehntelang abgearbeitet hat. Und Hamasyan, inzwischen 35, macht daraus tatsächlich große Kunst, was den Titel seines aktuellen Albums „StandArt“ nicht nur als wortspielerischen Gag erscheinen lässt. Viel Hirnschmalz ist in die Arrangements der mehr oder weniger vertrauten Melodien geflossen.
Bass (unauffällig solide: Rick Rosato) und Schlagzeug (agiler Aktivposten: Jonathan Pinson) haben festgelegte Parts, Hamasyan camoufliert die Themen bisweilen mehr als sie unverschnörkelt auszuspielen. Sein Zugang zu diesem vielgespielten Repertoire ist eher intellektuell durchdringend als (wie bei Jarrett) spielerisch-intuitiv. Hamasyan kann die Tempi wechseln wie ein Formel-Eins-Fahrer die Gänge, aber tut Einiges, um sich nicht selbst in die Virtuositätsfalle zu gehen. Er baut in groß angelegte Spannungsbögen retardierende Momente ein, flirtet mit hauchzarten Dissonanzen, setzt Pausen, um Spannung zu schaffen, ehe sich schließlich doch in chromatischen Läufen die selbstgewisse Souveränität des Meistertechnikers Bahn bricht.
Das ergibt eine äußerst kurzweilige (und leider auch arg kurze) Demonstration der Kunst des Piano-Trios. Nur eine unverwechselbare Handschrift hat Hamasyan (noch) nicht: Unter 20 führenden Jazzpianisten könnte man ihn schwerlich heraushören. Insofern ist bis zum Ikonenstatus eines Keith Jarrett doch noch ein gutes Stück Weg.