„Sie war eine mutige Frau“

von Redaktion

INTERVIEW Ann Sophie Dürmeyer zu ihrer Rolle in „Mata Hari“ am Gärtnerplatz

Ihr Leben endete mit der Hinrichtung im Kriegsjahr 1917. Im Schloss Vincennes bei Paris vollstreckte ein Erschießungskommando das Todesurteil wegen Hochverrats gegen die Niederländerin Margaretha Geertruida Zelle, geboren 1876. Die Frau, die sich als Künstlerin Mata Hari nannte, hatte in den Jahren nach der Jahrhundertwende in der französischen Hauptstadt als Tänzerin Furore gemacht, die die „Kunst der erotischen Entkleidung“ perfekt beherrscht. Als ihr Stern zu sinken begann, verdingte sie sich als Spionin sowohl für die deutsche als auch für die französische Seite, bis sie enttarnt und vor ein Kriegsgericht gestellt wurde. Für das Gärtnerplatztheater schufen Marc Schubring und Kevin Schroeder wie berichtet das Musical „Mata Hari“, das dem Mythos der Diva und Doppelagentin nachspürt. Uraufführung ist morgen um 19.30 Uhr. Als „Mata Hari, Popstar“ agiert Ann Sophie Dürmeyer (32), die als deutsche Teilnehmerin beim Eurovision Song Contest (ESC) 2015 bekannt wurde.

Frau Dürmeyer, was wussten Sie über Mata Hari, bevor Sie die Rolle bekommen haben?

Ich wusste das, was vermutlich die meisten Menschen in meinem Alter wissen. Dass sie als Nackttänzerin aufgetreten ist und in der Zeit des Ersten Weltkriegs als Agentin gearbeitet hat oder gearbeitet haben soll. Inzwischen weiß ich mehr über sie.

Sie war eine schillernde Persönlichkeit, um die sich viele Legenden ranken. Was ist Mata Hari für Sie?

Sie ist für mich eine Frau, die sich mit großer Leidenschaft aus dem normalen Leben, das sie gelebt hat, befreien wollte. Eine Frau, die mutig war und wohl auch ein bisschen wahnsinnig.

Spielen Sie dabei auf die Tänzerin an oder auf die Spionin?

Was die Spionage betrifft, so war es wohl so, dass sie gar nicht wusste, worauf sie sich einlässt. Sie wollte ihr luxuriöses Leben nicht aufgeben. Und als man ihr viel Geld geboten hat dafür, dass sie militärische Geheimnisse verrät, hat sie es genommen.

Die Titelfigur in diesem Werk gibt es zweimal…

Ja, es gibt ein durchkomponiertes Stück, in dem Florine Schnitzel das bürgerliche Leben der Margaretha Zelle erzählt, unterbrochen durch Popsongs, in denen dieses Leben aus der Perspektive der Künstlerin Mata Hari beleuchtet wird. Ich stelle das dar, was Zelle eigentlich sein will – ein Star, dem das Publikum zu Füßen liegt.

Gibt es etwas, das die Zuschauerinnen und Zuschauer mitnehmen können?

Ja! Dass es sich nicht lohnt, nur für andere da zu sein, denn dann kann man nicht das Leben führen, für das man brennt.

Das Leben leben, für das man brennt – da sind wir bei Ann Sophie, der Musicaldarstellerin. Sie haben uns damals im Interview zum ESC gesagt, dass Sie schon mit 14 Musikerin werden wollten. Aber damit war sicher die Solokarriere gemeint. Haben Sie sich umentschieden?

Träume dürfen sich verändern, vor allem dürfen sie wachsen. Und ich mache immer noch mit viel Leidenschaft Musik. Nach dem ESC habe ich aber auch gedacht: Warum machst du nicht Musical? Spielen, Singen, Tanzen, das macht dir doch alles Spaß! Und als ich meine erste Show hatte, habe ich gemerkt: Ich liebe das Theater! Ich finde es toll, beides machen zu dürfen, meine Geschichte über meine Musik zu erzählen – und in Rollen, in denen ja auch viel von meiner Persönlichkeit steckt.

Keine Kompromisslösung?

Nein! Es gibt so viele tolle Stücke, es gibt so viele Möglichkeiten, tolle Leute kennenzulernen und mit ihnen gemeinsam etwas zu erarbeiten. Das Leben eines Solomusikers, einer Solomusikerin kann sehr einsam sein.

Lassen Sie uns noch mal über den ESC sprechen.

Das war mir klar. (Lacht.)

In vielen Kommentaren zu Ihrem Video von damals auf Youtube liest man Sätze wie „Am meisten unterschätzter Auftritt in der ESC-Geschichte“. Wie fühlt sich das an?

Ich weiß nicht, was damals hinter den Kulissen passiert ist. Ich weiß nur, dass Deutschland fast jedes Jahr die gleiche Erfahrung macht, ganz hinten zu landen, und dass ich diese Erfahrung eben auch einmal machen musste. Das Schlimme daran war, keine Kontrolle zu haben über die Ereignisse in Wien und über die Zeit danach. Wenn ich mir das Video heute anschaue, dann bin ich stolz darauf, dann denke ich: Hey, du warst 24, hattest keine Ahnung von nix, hast dich da hingestellt und deinen Job gemacht. Aber der ESC ist für mich abgehakt.

Trotzdem haben Sie ihn noch einmal thematisiert, vor zwei Jahren bei „The Voice of Germany“…

Das war für mich sehr wichtig, das habe ich gebraucht.

Dass es da nicht zum Sieg gereicht hat, würden Sie aber nicht als Niederlage bezeichnen?

Nein, überhaupt nicht. Für mich war die Blind Audition entscheidend, da wollte ich mich zeigen als die Sängerin, die mit 20 ihre ersten Songs geschrieben hat. Beim ESC gerät man ja sofort in ein Hamsterrad und hat dazu keine Möglichkeit mehr.

Machen Sie sich Gedanken darüber, wie es weitergegangen wäre bei einem Sieg oder einer guten Platzierung beim ESC?

Nein. Hätte hätte, Fahrradkette. (Lacht.)

Das Gespräch führte Rudolf Ogiermann.

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