Das ist keine Frage. „Baby, you wanna dance“, raunt Herbert Grönemeyer. Du willst tanzen. Aber hallo, Baby! Mittwochabend im Lovis Berlin. Szenelokal, exquisite Küche, aber eben auch: ehemaliger Frauenknast. So was von Grönemeyer. Der ist ja wie die Currywurst im Adlon: ehrlich rustikal, aber mit Blattgold belegt.
Erst fangen die Beine an zu zappeln, bei Song vier das Herz. Spätestens beim Liebeslied „Tau“ nämlich schwappt es über. „Liebe ist ein neuer Tag/ Brandneuer Tag“, Piano, Grönemeyers lieb-mich-oder-lieb-mich-nicht Alternativlos-Stimme. Doch: „Manchmal legt der Tau sich auf mich / Und dann werd’ ich leise traurig/ Weil ich glaube nicht / Dass alles so schön ist wie es ist“. Wie sagen die jungen Leute heute? I feel you, ich fühl dich, Herbert. Ist nämlich ungefähr der Zustand, mit dem Fans sein neues Album „Das ist los“ hören. Sehr glücklich, aber ein bisschen ängstlich, dass das gerade vielleicht doch nur ein schöner Traum ist.
Wobei: Eigentlich sind es ja keine Fans, die da gestern in Berlin sitzen und verzückt lauschen, als ihnen exklusiv vorab die morgen erscheinende Grönemeyer-Platte vorgespielt wird. Sondern Journalisten. Aber so richtig objektiv wirkt an diesem Abend keiner. Oder ist’s der Grönemeyer-Live-Effekt? Man hat’s ja oft genug erlebt, wenn man widerwillige Menschen aufs Konzert mitschleppte. Und sah, wie sie innerhalb von Minuten diesem Pop-Berserker verfielen. Der 66-Jährige: ein „Genie“, passenderweise Titel des Liedes Nummer fünf von „Das ist los“. Und obwohl der Verfasser hierzulande der kommerziell erfolgreichste zeitgenössische Musiker ist, lässt er sich die Präsentation im intimen Rahmen natürlich nicht nehmen. Zum musikalischen Genuss werden italienische Köstlichkeiten serviert. Damit man sich nicht nur reinhören, sondern auch reinschmecken kann, wie „Das ist los“ entstand. In Italien nämlich, dorthin haben sich Grönemeyer und sein Produzent Alex Silva zurückgezogen, in eine alte Scheune. Verköstigt wurden sie von Lorena Autuori. Und weil sie so begeistert waren von deren Küche, erscheint zum Album auch ein Kochbuch. Grönemeyer im Gespräch: „Das Buch ist keine clevere Marketing-Idee, sondern eine sentimentale Erinnerung an die Zeit in Italien. Ein Spaß nebenher.“
Die Speisen passen zur Musik: bekömmlich, nie gefällig. Grönemeyer ist ja immer auch politisch in seinen Aussagen. Schon auf seinem aus heutiger Perspektive zauberhaft ungeschliffenen ersten Werk „Grönemeyer“ (1979). Auf „Das ist los“ erzählt etwa „Der Schlüssel“ von Vertreibung und Flucht. Viele Texte hat Grönemeyer bereits dazu gedichtet, viele eingängige Melodien geschrieben („Heimat“ (1999), „Roter Mond“ (2014). Und klar ist es hart, einmal mehr zu realisieren, dass solche Lieder so richtig viel nicht ändern. Aber dann wieder doch. Unermüdlich engagiert sich der Musiker. Gegen Hunger in der Welt, Rassismus, Klimawandel. Am Samstag etwa beim Konzert „Climate Aid“ am Brandenburger Tor. Hands on gewissermaßen, anpacken. Passend dazu die zwei Hände auf dem Albumcover. Und die Single „Angstfrei“. Nur wenige Takte – und man möchte all die Bäume ausreißen, die einem die Sicht verstellen. Weg mit den Brettern vorm Kopf: „Freiheit! Neuzeit! Vor allem angstfrei/ In der Unruhe liegt die Kraft“. Ein Titel wie ein Personal Trainer für alle, denen winterverschlafen der Antrieb fehlt.
Oder „Herzhaft“, ein Fest für Wortspiel-Freunde. „Nimm mich in die Herzhaft … Verweiger’ meine Amnestie.“ Dazu ein treibender Beat, der sich durchs gesamte Werk zieht. Selbst das mahnende „Oh oh oh“ über die Frage „Muss die Welt erst in Flammen stehen/ Dass wir uns aus unsrem Koma drehen“, klingt nie nach erhobenem Zeigefinger. Erinnert gar an seine Kult-Version von „Da da da“. Oder „Eleganz“ – „Versuch’s mit Eleganz/ Nimm’ es voll und tanz“ – euphorische Neue-Deutsche-Welle-Motivation.
„Ich hoffe, das Album spricht irgendwie für sich selber“, sagt ein gut gelaunter Herbert. Eigentlich hatte er 20 Songs auf die ihm eigene Art vorbereitet. Denn das läuft immer so: erst die Musik komponieren, dann drauf texten. „An einigen sind wir gescheitert.“ Oft sagt er wir bei dieser Präsentation, dankt seinem Team, Balbina Jagielska zum Beispiel, die ihm beim Texten half. „Alles, was uns an Ideen kommt, wird verwurstet. Doch das heißt nicht, dass es auf der Platte landet.“ Am Ende finden sich 13 Lieder darauf.
Die Zeit sei angesichts von Pandemie und Kriegsbeginn in Europa nicht leicht gewesen. Umso erstaunlicher, wie lebensbejahend die Stücke wirken. „Gerade in Zeiten wie diesen musst du die Dinge herauskramen, die dir Mut machen“, erklärt der Deutschen liebster Motivator. „Mich hat immer positiv gestimmt, wie die Menschen 2015 den Flüchtlingen entgegengegangen sind. Das zeigt mir, dass die Gesellschaft ganz andere humanistische Elemente in sich trägt, als immer behauptet wird. Wir Deutschen sehen immer nur das ,Ja, aber‘ – doch nicht, was für Qualitäten wir haben.“ Schon klar, die Dinge seien nicht rosarot, „aber es ist wichtig, das zu sehen, worin wir stark sind, man selbst und als Gesellschaft“.
Der Rausschmeißer „Turmhoch“ ist in Wahrheit ein Wieder-Reinzieher. Da zappelt das Herz noch einmal wie von Sinnen. „Die Türen fliegen auf für neue Utopien.“ You wanna dance? Oh yes, Baby!