War ganz schön was los in den vergangenen Jahren bei der Truppe aus Castrop-Rauxel: Erst verabschiedet sich Sänger Sebastian Biesler. Den Platz neben Frontmann Kevin Ratajczak nimmt seitdem Gute-Laune-Bär Nico Sallach ein. Der sorgt für ein neues Image, weniger Sexismus und mehr Ironie in den Texten.
Doch bekanntlich legt ein seltsames Virus erst einmal alle Vorhaben lahm. Zeit für die auf Youtube gefeierten Musiker, den wegen des implizierten Rassismus kritisierten Vornamen „Eskimo“ zu streichen und durch etwas Unverfänglicheres zu ersetzen.
Unter dem Namen Electric Callboy will die Band eigentlich beim Vorentscheid des Eurovision Song Contest 2022 antreten. Was eine NDR-Jury verhindert. Die Metalcore-Mannen seien nicht massentauglich genug, hieß es. Hatte wohl keiner Zeit gehabt, vor der Entscheidung ins Internet zu sehen. Der vom NDR propagierte Malik Harris war nach Ansicht eben dieser Massen bekanntlich auch kein Gewinnertyp. Nun stehen die Electric Callboys also endlich in München auf der großen Bühne und freuen sich sichtlich, in eine sehr solide gefüllte Olympiahalle zu blicken. Die quietschbunte, extrem pyrolastige Show ihrer alte und aktuelle Hits clever kombinierenden „Tekkno World Tour“ beginnt nach dem Intro einer Computer-animierten Reiseleiterin auf der zentralen Videoleinwand folgerichtig mit dem ziemlich Scooter-haften „Tekkno Train“.
Der sorgt zwar fürs erste Mitklatschen. Doch so recht kommt die typische Callboy-Stimmung, bei der auf den Rängen wirklich niemand mehr sitzen bleibt, erst nach und nach auf. Bei „Dancing like a Ninja“ geht’s los und mit „Arrow of Love“ und „Hypa Hypa“ sehr angemessen weiter. Der Schlagerbeginn von „Hurrikan“ lässt die Metalheads in der Arena sogar Paartanzen.
Die Texte der neuen Titel drehen sich im Gegensatz zu anderen Post-Hardcore-Bands nie um ernste, gesellschaftskritische Themen, sondern vorwiegend um Partyfeiern – aber nicht nur deswegen hatte die Callboy-Gemeinde, stilecht in bonbonfarbenen Ballonseide-Ensembles und Vokuhila-Perücken, richtig viel Spaß.