Ein Stück Himmel

von Redaktion

PREMIERE Das Staatsballett gibt sich mit „Schmetterling“ ungewöhnlich zeitgenössisch

VON MALVE GRADINGER

Eine getanzte Illusion, ein Hinausschwingen aus der Zeit, ein Erleben zwischen Traum und Wirklichkeit – und am Ende eine Applaus-Brandung im Nationaltheater! Und das, man staune, bei einer extrem ausgefallenen zeitgenössischen Premiere des Bayerischen Staatsballetts zum Festwochenauftakt! Der neue Ballettchef Laurent Hilaire hat sich da aus dem auslastungssicheren Direktions-Modus seines Vorgängers Igor Zelensky herausgewagt. Aber bekanntlich gilt ja: Wer wagt, der gewinnt. Man hofft jedenfalls, dass der neue Zweiteiler „Schmetterling“ von Paul Lightfoot und Sol León weiterhin ein Publikumsrenner bleibt.

Der Brite und die Spanierin, von 2011 bis 2020 Leitungs-Duo des Den Haager Nederlands Dance Theaters/NDT, studierten in München zwei ihrer Lieblingswerke ein: das dem Abend seinen Titel gebende „Schmetterling“ von 2010 und „Silent Screen“ von 2005. Für diese „stumme Leinwand“ entwarfen die beiden eine faszinierend zwittrige Welt. Im Hintergrund ziehen gefilmte Landschaften vorbei – die davor stehenden Live- Akteure scheinen regelrecht hineinzuwandern. Und ein hübsches Kind – die Tochter des Choreografen-Paares – kommt über einen gefilmten Waldweg auf die Bühne zu. Heroisch: Neben Bühne und Kostüme zeichnet das Paar auch für das Filmkonzept verantwortlich. Die Film-Rückwand verschwindet bald. Und während Philip Glass’ sich wiederholende Klangstrukturen hypnotisch hereinschwellen, sich phonmäßig steigern, dann wieder besänftigen, kommen von rechts und links zwei oder drei Akteure ins Bühnenzentrum für Solo-Auftritte oder Pas de deux.

Wie in den Stummfilmen geht es um Mann-Frau-Beziehungen. Der Bewegungsstil von Lightfoot/León verblüfft einerseits mit technisch virtuoser Postmodern-Klassik. Osiel Gouneo – nur mal ein Beispiel – fetzt da fast wollüstig eine schritt-vertrackte Hochgeschwindigkeitsnummer hin. Und die Hebungen im Paar-Kontakt sind post-post-neoklassisch verzwirbelt. Andererseits ist das Lightfoot-León-Idiom fremdartig kantig, kunstvoll verschroben, im Ausdruck skurril. Unabsichtlich vielleicht schaut das Choreografenpaar auch zurück in die Tanzgeschichte. Man assoziiert unter anderen die Grotesktänzerin der 1920er-Jahre Valeska Gert mit ihrer ausgeflippten Körperhaltung und ihren Grimassen – nach Schauspielunterricht 1915/16 erhielt sie übrigens bald ein Engagement an den Münchner Kammerspielen.

Thema in „Schmetterling“ ist einmal ein konkreter Anlass in der Entstehungszeit des Stückes, nämlich die todbringende Krankheit der Mutter eines NDT-Mitglieds. Getanzt werden die Mutter-Sohn-Partien von Lauretta Summerscales und Robin Strona. Zum anderen soll – ähnlich der Metamorphose von der starren Puppe zum flatternden Schmetterling – das Leben gefeiert werden. Durch das hohe Tor im Hintergrund ist ein Stück Himmel mit weißer Wolke zu sehen. Das wirkt fröhlich, erinnert an die Bilder des Surrealisten René Magritte. Songs der Indie-Pop-Band Magnetic Fields mit Texten wie „How fucking romantic – all the Stars are out, twinkling, twinkling, twinkling and fluttering about“ machen der tanzenden Zehner-Brigade superschnelle Füße. Wer in beiden Stücken Erster Solist oder nur Gruppenmitglied ist, das spielt – wie im demokratischen NDT – keine Rolle. Und da wird im ja noch traditionell nach Rang gestuften Staatsballett auf einmal sichtbar, wie blendend das sogenannte Corps de ballet tanzen kann, technisch und darstellerisch. Vielleicht wäre ja auch mal eine Kreation des Choreografen-Duos möglich.

Nächste Vorstellungen

am 21., 28., 29. April sowie

2., 3., 28. Juni und 3. Juli; Telefon 089/21 85 19 20; Festwochen-Programm bis 8. April (staatsballett.de).

Choreografen-Duo studierte zwei

Lieblingswerke ein

Wer Solist ist, wer Gruppenmitglied,

spielt keine Rolle

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