Wohltat. Wie gut es tut, das Rot, das uns Ola Kolehmainen da entgegenknallt. „Music is about to begin“ nennt der Fotograf die Arbeit, die im Obergeschoss der Galerie Stefan Vogdt leuchtet. Und sofort geht es los, das Gedankenkarussell. Denn der Vorhang, den er hier bildlich eingefangen hat, der steht ja nicht bloß für ein Konzert, das gleich beginnen könnte. Wie schaut es mit der Bühne des eigenen Lebens aus? Mit dem täglichen Theater, in dem wir selbst die Hauptrolle spielen. Vorhang auf für die nächste Szene. Wird’s Tragödie? Komödie? Romanze? Oder Gott bewahre: blutrünstiger Thriller? Der signalrote Samt gibt den Blick noch nicht frei. Wie’s weitergeht, dafür sind wir schon selbst verantwortlich. Neue Jahreszeit, Neubeginn. Nun muss sich alles, alles wenden.
Damit passt das Werk grandios in die Frühlingsschau der Münchner Galerie. Gelegen am Hofgarten. Wer dankt eigentlich den Gärtnern, die dort in den vergangenen Tagen die ersten Blümchen gepflanzt haben? Die Welt wird schöner mit jedem Tag. Es stimmt schon, was Hoffmann von Fallersleben über den Frühling gedichtet hat: „So schön kann keiner malen, so schön, wie er es macht.“ Versuchen tun’s Künstlerinnen und Künstler freilich trotzdem immer wieder. Nicht nur mit Pinsel auf Leinwand. Seit mehr als 40 Jahren bemüht sich Stefan Vogdt –seit 2013 zusammen mit seiner Tochter Felicitas Boos – deshalb jetzt schon, die ganze Palette der Bildenden Kunst mit all ihren Gattungen abzubilden. Wie leichtfüßig sich beispielsweise Markus Prillers Bronzeplastik „Ohne Titel“ (2016, Galeriepreis: 34 000 Euro) nach oben schraubt, wie eine Blume, die gen Himmel wächst, immer der Sonne nach. Und wie sie schweben, die Seifenblasen auf Jiří Georg Dokoupils Bild „untitled“ (2019, Galeriepreis: 39 000 Euro). Er hat ein Verfahren entwickelt, mit dem er die Seifenlauge-Zaubereien auf Leinwand einfangen kann. Und mit ihnen eine Ahnung von den glücklichen, verspielten Momenten, in denen sie entstanden. Abendluft, grüne Wiese, Kinderlachen. O frischer Duft, o neuer Klang!
Die günstigsten Werke beginnen bei 1400 Euro. David Nashs „Red Flash“ (2007) etwa; da ist es wieder, das mitreißende Rot. Wie ein Blitz rauscht es über das Papier. Energiekick gegen die Frühjahrsmüdigkeit.
Natürlich ist man in diesen Tagen, in denen es sprießt und blüht und neues Leben nur so aus allen Ritzen dringt, von Rot ganz schnell bei Rosarot. Und damit bei Carlos Cirizas Stahl-Skulptur „Encuentro“ (2022, Galeriepreis: 29 000 Euro). Auf den ersten Blick wirkt sie wie zwei abstrakte Formen. Doch auf den zweiten erkennt man die Verliebten, die sich einander nähern. Trotz des massiven Materials: diese Zärtlichkeit, dieses Begehren. „Sofort kommen mir da Platons Kugelmenschen in den Sinn“, meint Kunstexpertin Sonja Lechner lächelnd, die die neue Schau kuratiert hat. „Diesem Mythos nach waren wir alle einmal solche Kugelmenschen, wurden aber von Zeus in zwei Hälften zerschnitten – und sind auf der ständigen Suche nach der anderen, verlorenen Hälfte. In diesem Werk scheinen zwei fündig geworden zu sein – würde man sie ineinanderschieben, ergäbe sich die perfekte Einheit.“ Also, armes Herz, vergiss der Qual. Denn: Man weiß nie, was noch werden mag…
Galerie Stefan Vogdt
Galeriestraße 2, Mo.-Fr. 12-18, Sa. bis 14 Uhr und nach Vereinbarung: 089/271 68 57.