Wege zum Ich

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG „Picasso malt Picasso“ zum 50. Todestag des Genies

VON SIMONE DATTENBERGER

Ein junger Kunsthistoriker, der sich der Erforschung des Selbstporträts verschrieben hat, trifft 1982 Jacqueline Picasso (1927-1986). Aus Small Talk wird plötzlich ein Versprechen. Die Gefährtin des spanischen Malergenies, die sich vier Jahre später das Leben nehmen wird, verabschiedet sich von dem Nicht-Picasso-Experten mit den Worten: „Jetzt sind Sie am Zug!“

Von Schachpartien weiß man ja, dass auf manchen Zug lange zu warten ist; bei Pascal Bonafoux (Jahrgang 1949) dauerte es bis 2021. Da erschien in Paris sein Werk über Pablo Picassos Selbstbildnisse; jetzt, rechtzeitig zu dessen 50. Todestag am kommenden Samstag, liegt das Buch auf Deutsch beim Münchner Schirmer/Mosel Verlag vor: „Picasso malt Picasso – Selbstportraits 1894 bis 1972“.

Schon beim schnellen Hineinblättern in Bonafoux’ Text wird klar, warum er (neben all seiner sonstigen Arbeit als Kurator und Schriftsteller) so lange brauchte: Es gab keine Untersuchungen zu genau diesem Konvolut aus dem Œuvre des Spaniers. Der Wissenschaftler musste sich also in die Materie hineinbohren: Gemälde, Fotos, Zeichnungen, Weggefährten, Aussagen des Künstlers finden und auswerten. Und bewerten? Pascal Bonafoux (ver-)führt seine Leserinnen und Leser, ihm zu folgen – durch sympathisch anekdotenreiches Erzählen.

Auf diese Weise genießen wir und erfassen wie von selbst eine Fülle an Informationen: etwa über die Gattung Selbstporträt, den Extrem-Status von Picasso in der Kunstgeschichte, die Vorsicht des Wissenschaftlers, irgendwelche Postulate von sich zu geben, und über jedes einzelne der 181 gefundenen Bilder. Nicht alle konnten abgedruckt werden, weil sich einige Privatsammler weigerten. Dennoch wäre Jacqueline begeistert gewesen.

Pablo Picasso (25. Oktober 1881 bis 8. April 1973) war kein exzessiver Selbstporträtist. Tiefsinnige psychologische Befragungen finden sich kaum, aber ab und an Bestandsaufnahmen, spannende, teils komische Selbstinszenierungen inklusive Rollen- und Versteckspiele – sowie, naturgemäß, sein atemberaubend vielseitiges Können. Das erste Bildnis zeichnet der Bub 1894 von sich mit Bleistift; da geht es um genaues Erfassen der Realität, Hintergedanken gibt es nicht. 1972, ein Jahr vor seinem Tod, stellt sich der Alte in einer Ölskizze als kindlich weichen, jungen Maler mit Pinsel dar. Gleichzeitig formuliert er sich in einer teils farbigen Papierarbeit als Mann mit knorrigem Kopf, Bartstoppelkinn und schreckensweiten Augen. Diese Aussage reduzierte er weiter zu einer Schwarz-Weiß-Zeichnung. Das Volumen des Schädels scheint auf eine Idee für eine Skulptur hinzudeuten; die hohlen Augen auf einen Totenkopf.

Pascal Bonafoux:

„Picasso malt Picasso – Selbstportraits 1894 bis 1972“. Aus dem Französischen von Michaela Angermair und Sibylle Nottebohm. Verlag Schirmer/Mosel, München, 221 Seiten, 169 Farbtafeln; 46 Euro.

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