Mit Geheimnissen ist das so eine Sache: Am schönsten ist es, wenn man sie mit anderen Menschen teilen kann. Geheimnisse wollen weitererzählt werden, auch in der Kunstgeschichte. Und weil dem so ist, wartet Michael Rohlmann gerade mal 13 Zeilen auf der ersten Textseite dieses Buches, bevor er das Geheimnis von Raffaels Kunst, der Zeitlosigkeit seines Werkes in einem (zugegeben: noch etwas zurückhaltend formulierten) Satz lüftet: „Raffaels Leben“, schreibt der Kunsthistoriker da, „scheint ein nie endendes Studium zu sein, eine niemals ausruhende Anverwandlung, Verbesserung und Bereicherung.“ Die folgenden mehr als 700 Seiten untermauern eindrucksvoll diese These des unablässig Lernenden – in Wort, vor allem aber in fantastischen Bildern der Werke des Italieners.
Es ist ein Mammutprojekt, das der Taschen Verlag hier realisiert hat: „Raffael. Das Gesamtwerk“ nennen die Kölner es schlicht. Wozu auch einen Bohei beim Titel veranstalten, wenn es genau darum geht? Der Band zeigt die Gemälde Raffaels, die heute in den Museen der Welt gehütet werden (in der Alten Pinakothek etwa „Die heilige Familie aus dem Hause Canigiani“). Gezeigt und erläutert werden zudem alle Fresken, Architekturprojekte und Wandteppiche des Künstlers, der 1483 (am 28. März oder am 6. April), also vor 540 Jahren, in Urbino geboren wurde und 1520 in Rom starb. Raffael zählt neben Leonardo und Michelangelo zu den bedeutendsten Künstlern der italienischen Hochrenaissance. Seine „Sixtinische Madonna“ (ja, die mit den beiden Engeln am unteren Bildrand) ist heute eines der am häufigsten reproduzierten religiösen Gemälde aller Zeiten.
Das Autorenteam nähert sich dem Genie angenehm unaufgeregt. Hier gibt’s keinerlei kunsthistorische Kapriolen, auch kein Gockeln für die eigene Zunft. Erzählt wird Raffaels Leben und Wirken: Die Sprache ist dabei so klar wie die Aufteilung der Kapitel; die Einordnung des Schaffens in die Zeitläufte ist hilfreich und die Interpretationen der jeweiligen Arbeiten sind schlüssig. Ein umfangreiches Werk- und Literaturverzeichnis sowie das gute Register lassen tatsächlich keine Frage offen.
Kaum schlagbar bei „Raffael. Das Gesamtwerk“ sind freilich die hochwertigen Reproduktionen. Vieles wurde neu fotografiert – hier beeindruckt vor allem der Wechsel aus Gesamtaufnahmen und Details. Wie eine Kamera im Film zoomen die Macher an wichtige Motiv-Aspekte heran, lotsen damit geschickt das Auge des Betrachters. Um eine Ahnung von der Wirkung der Werke zu vermitteln, sind zudem manche Seiten dieses eh schon 29 auf 39,5 Zentimeter großen Bandes ausklappbar. Und so erzählt „Raffael. Das Gesamtwerk“ eben nicht nur von der Kunst des Italieners, sondern obendrein von der Kunst des Büchermachens.
Michael Rohlmann/ Frank Zöllner/ Rudolf Hiller von Gaertringen/ Georg Satzinger:
„Raffael. Das Gesamtwerk“. Taschen Verlag, Köln,
720 Seiten; 150 Euro.