Seit drei Jahren genießt Horst Haitzinger seinen Ruhestand. Aber es gibt Trost für die Fan-Gemeinde des Mannes, der seine ersten Karikaturen 1958 in der legendären Satirezeitschrift Simplicissimus veröffentlichte: ein neues Buch – und eine Ausstellung in Regensburg.
Die griechische Mythologie war stets eine Bilder-Fundgrube für Horst Haitzinger. Das Limeseum im Landkreis Ansbach präsentierte im Januar 2022 einige der Karikaturen mit Bezug zur Antike in einer Sonderausstellung. Museumsleiter Matthias Pausch hatte nun die Idee, Haitzingers Polit-Varianten mythologischer Gestalten wie Prometheus, Herkules und Co. in einem Buch zu versammeln. Der neue Haitzinger-Band „Mehr als nur Europa – Die Antike in politischen Karikaturen“ zeigt nicht nur, dass viele unserer aktuellen Erregungs-Themen gar nicht so neu sind, wie mancher denkt. Das Buch bietet darüber hinaus eine unterhaltsame Erinnerung an all die Sagen und Geschichten der griechischen und römischen Antike, die im heutigen Bildungskanon viel zu wenig Beachtung finden.
16 000 Karikaturen zeichnete Haitzinger in den rund 60 Jahren seines Schaffens. Erstaunlich, mit welchem Ideenreichtum er es dabei verstand, immer wieder neue Funken aus den uralten Geschichten zu schlagen – etwa, wenn Europas Stier durch den Brexit amputiert nur noch humpelnd vorankommt. Diese Europa, zahlenmäßig absolute Rekordhalterin unter Haitzingers mythologischen Gestalten, hat dem Münchner Karikaturisten einst den verärgerten Anruf einer Grundschullehrerin eingebracht. Die Dame überzeugte ihn, dass die schöne Tochter des phönizischen Königs Agenor bei Homer keineswegs als nackt beschrieben worden sei – nach dieser Beschwerde zeichnete er sie nicht mehr gänzlich un-, dafür durchaus leicht bekleidet. Doch auch mit Bikini empfand die SPD-Politikerin Heide Wieczorek-Zeul Haitzingers Europa immer noch als zu sexistisch, weshalb ein als Werbung für die Europa-Wahl vorgesehenes Haitzinger-Plakat 1994 trotz hoher Druckkosten eingestampft wurde. „Wenn ich heut’ drauf schau, dann denke ich mir, die hatte nicht ganz Unrecht“, räumt der 83-Jährige im Buch ein. Auch wenn er betont, dass „meine ganzen Lieblinge“ quer durch die Kunstgeschichte von Rubens bis Fragonard Europa immer zumindest halb nackt gezeichnet hätten. Auch wegen solcher Anekdoten ist dieses neue Haitzinger-Buch ein pures Vergnügen!
Horst Haitzinger:
„Mehr als nur Europa – Die Antike in politischen Karikaturen“.
Nünnerich-Asmus Verlag, Oppenheim, 96 Seiten; 19 Euro.