Bilder unserer Welt

von Redaktion

AUSSTELLUNG Das Haus der Kunst zeigt Fotografien und Videos aus der Walther Collection

VON MICHAEL SCHLEICHER

Dieser Gast bringt ordentlich Spannung mit: Die Walther Collection macht mit ihren Fotografien und Videoarbeiten Station im Haus der Kunst in München. Und wer wissen möchte, wie energiegeladen dieser Besuch der Kunststiftung mit ihren Sitzen in New York und Neu-Ulm ist, bekommt gleich im ersten Raum eine Ahnung davon. Denn bereits hier wird beinahe körperlich spürbar, welche Kräfte auf die Schau „Trace“ einwirken. Es zieht und zerrt, will voneinander weg – und gehört dennoch zusammen. Unbedingt.

Kuratorin Anna Schneider und ihr Kollege Hanns Lennart Wiesner haben zu Beginn Fotoarbeiten von Karl Blossfeldt einer Wand mit Amateuraufnahmen aus Japan gegenübergestellt – und dadurch ein enormes Energiefeld aufgebaut. Links die eindrucksvollen, formal streng gestalteten und dokumentarisch exakten Detailaufnahmen von Pflanzen, die Blossfeldt (1865-1932) geschaffen hat, dieser findige Tüftler und liebenswerte Botanikfreak: Darunter sind auch einige Gewächse zu finden, die heute beinahe ausgestorben sind, die für die Menschheit also fast verloren sind.

„Lost and Found“ wiederum ist der Titel des Projekts rechts an der Wand, das Munemasa Takahashi nach Erdbeben und Tsunami 2011 in Japan ins Leben gerufen hat: Mehr als 1000 Freiwillige haben in den Trümmern in der Präfektur Miyagi rund 750 000 private Fotos zusammengetragen, digitalisiert – und von rund 400 000 die Eigentümerinnen und Eigentümer ausfindig gemacht. Schnappschüsse, von hohem persönlichen und keinerlei künstlerischem Wert, viele tragen Spuren der Zerstörung durch die Naturkatastrophe, treffen also auf enorm artifizielle, inszenierte Pflanzenporträts, Paradebeispiele der Neuen Sachlichkeit. Dieses Spiel der Energien zieht sich durch die gesamte Ausstellung, ästhetisch, inhaltlich, gestalterisch.

Wer sich für Fotokunst interessiert, kennt vermutlich Blossfeldt, kennt Bernd und Hilla Becher, Richard Avedon, August Sander, Thomas Ruff, Thomas Struth oder Ai Weiwei. The Walther Collection sammelt allerdings nicht Namen, sondern vielmehr Kulturbereiche, die nicht zum mitteleuropäischen „Who’s who“ gehören, vor allem Werke aus Afrika und Asien. „Wir erzählen Geschichten, die in der Vergangenheit nicht erzählt wurden, und bringen sie mit unseren Geschichten zusammen“, erklärt Stiftungsgründer Artur Walther Ansatz und Anspruch. Der Ausstellungstitel hat also seine Berechtigung: Die „Spur“, die diese Schau zieht, führt einmal um den Globus und zeigt Bilder unserer Welt.

Ausgangspunkt dabei ist das menschliche Porträt, dem die Haupthalle gewidmet ist. Von dieser ausgehend sind die weiteren Arbeiten zu mehr oder minder erwartbaren Themenkomplexen arrangiert; da geht’s etwa um Fragen nach Identität und Intimität, um die Eingriffe des Menschen in Umwelt, Natur und Gesellschaft. Eine Entdeckung sind die Werke von Em’kal Eyongakpa, der durch Langzeitbelichtung seine (Landschafts-)Aufnahmen dem Dokumentarischen weit entrückt und ihnen eine enorme Plastizität verleiht. Ein anderer Höhepunkt sind die Schwarz-Weiß-Filme von Yang Fudong, die harmlos daherkommen, doch von Endzeitlichem künden.

Diese Schau will und zeigt vieles: Foto- sowie Videokunst, Amateuraufnahmen, Gebrauchsfotografie von der Mitte des 19. Jahrhunderts bis heute. Ein Glück, dass die Kuratoren nichts überfrachten, sondern das Spannungsmoment des Beginns nicht nur inhaltlich, sondern auch in der Präsentation fortführen. Die Hängung ist mal herrlich luftig, kurz darauf dann enorm geballt. „Was wir gemacht haben“, sagt Artur Walther, „ist schon ein bisschen bahnbrechend.“ Man kann es indes auch etwas weniger breitbeinig formulieren: „Trace“ weitet den Blick.

Bis 23. Juli

Mi.-Mo. 10-20 Uhr, Do. 10-22 Uhr; www.hausderkunst.org.

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