Eigenwillige Persönlichkeit

von Redaktion

Die Schweizerin Yumi Ito im Jazzclub Unterfahrt

Von Anfang an ergreift einen die kraftvolle Präsenz dieser Stimme, fasziniert der genreübergreifende Eigensinn ihrer Phrasierung, ja die erratische Aura ihres sehr persönlichen Stilmixes. Dass das München-Debüt der Schweizer Sängerin Yumi Ito im Jazzclub Unterfahrt stattfand, war zwar kein Missverständnis, eher ein Beweis für die Inklusionsfähigkeit des Toleranzkonzepts Jazz.

Denn was die Tochter eines japanischen Pianisten und einer polnischen Sängerin komponiert (mit einer Ausnahme hat sie das ganze Repertoire des Abends selbst geschrieben) und interpretiert, ist sicher Jazz-affin, aber als eigenwillig artifizieller Singer-Songwriter-Pop vielleicht treffender umschrieben. Neben ihren englischen Texten, die von Einsamkeit, sexueller Selbstbestimmung oder Wiedergeburt handeln, setzt sie ihre Stimme gern instrumental ein, improvisiert wortlose Melodiebögen von großer Überzeugungskraft, aber es ist eben kein Jazz-typischer Scat-Gesang.

Auf einem Kontinuum großer weiblicher Sängerpersönlichkeiten wäre Ito einer, sagen wir mal, Tori Amos vermutlich näher als etwa Ella Fitzgerald. Mühelos und absolut intonationssicher schwingt sie sich, die sich selbst am Klavier begleitet, in sirenenhafte Kate-Bush-Höhen auf, dabei Schubladen souverän ignorierend.

Nur begleitet von Bass und Schlagzeug (für einige Stücke kommt ein Gitarrist als Überraschungsgast hinzu), sind die Arrangements so sparsam wie möglich, um die Essenz der Songs zu transportieren, aber so raffiniert wie möglich, um keine Langeweile aufkommen zu lassen. In einer gerechten Welt stünde Yumi Ito mit ihrer Verbindung von Talent und Crossover-Potenzial vor einer großen Karriere. Man darf ihr wünschen, dass sie dafür nicht die bezaubernden Eigenheiten ihrer Musik opfern muss. REINHOLD UNGER

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