Im Jahr 2019 versetzte ein Statement von Lars Ulrich, Kirk Hammett und Rob Trujillo die Fans von Metallica in Aufruhr. Die drei Musiker sagten damals die Tour der Band in Australien und Neuseeland ab und begründeten das damit, ihr Frontmann James Hetfield sei wieder auf Entzug. Knapp vier Jahre danach kommt nun das neue Album der Metal-Giganten heraus, das eine kleine Ahnung davon gibt, wie es Hetfield, dessen Sucht vielen Fans eigentlich schon als überwunden galt, damals gegangen sein muss. „72 Seasons“ erscheint an diesem Freitag und dokumentiert einen Kampf mit Dämonen.
Schon der Einstiegssong ist ein Kracher epischen Ausmaßes. Fast acht Minuten dauert der Titelsong „72 Seasons“, in dem es vor allem um eins geht: „Wrath of man“, um Zorn. Es geht um Traumatisierung und das Gefühl, von der Vergangenheit verfolgt zu werden. Der Titel von Album und Opener bezieht sich „auf die ersten 72 Jahreszeiten“. Die Band meint damit die ersten 18 Jahre im Leben eines Menschen. „Die ersten 18 Jahre, die unser wahres oder falsches Ich formen. Das Konzept, dass wir von unseren Eltern gesagt bekamen, wer wir sind“, beschreibt Hetfield diese Phase. „Eine mögliche Einordnung, welche Persönlichkeiten wir in etwa sind.“
Das Spannendste daran sei das „kontinuierliche Studium dieser Glaubenssätze und wie sie unsere Wahrnehmung der Welt heute beeinflussen“, sagt der 59-Jährige, der nach Medienberichten 2022 – nach rund 30 gemeinsamen Jahren – die Scheidung von seiner Ehefrau einreichte. Es gebe zwei Möglichkeiten, meint Hetfield: „Gefangene der Kindheit“ zu sein – oder sich von den „Fesseln, die wir tragen“, zu befreien.
Die zwölf Songs des Albums zeigen diesen Befreiungskampf, lassen aber große Zweifel daran, dass er gut ausgeht. „History must burn“ („Die Geschichte muss brennen“) singt ein auf diesem Album ausnehmend stimmgewaltiger Hetfield in „You must burn“. Und: „I run – still my Shadows follow“ („Ich renne, doch meine Schatten folgen noch“) heißt es in „Shadows follow“.
Doch es geht noch weiter mit den düsteren Themen. „Welcome to this Life – born into the Fight“ („Willkommen in diesem Leben – Hineingeboren in den Kampf“) lautet eine Zeile in der schon vorab veröffentlichten Nummer „Screaming Suicide“ über dunkle Gedanken an Suizid.
„72 Seasons“ erzählt nicht von einem erfolgreich abgeschlossenen Kampf, es nimmt den Hörer mit hinein in eine tobende und immer wieder ausweglos scheinende Schlacht. Das achte Lied der Platte „Chasing Light“ handelt zwar von der Jagd nach dem Licht, beginnt und endet aber desillusioniert mit dem Satz: „There’s no Light“.
Auch wenn die erste, schnelle und kraftvolle Single „Lux aeterna“ (mit nur 3,22 Minuten Laufzeit der mit Abstand kürzeste Song auf dem Album) noch eine etwas andere Richtung vermuten ließ, ist das elfte Studio-Album der Metal-Giganten ein sehr schweres, düsteres Gesamtwerk geworden. Eines, das dem Hörer nicht nur wegen der vergleichsweise langen Dauer Zeit abverlangt und die Bereitschaft, einzutauchen in diese düsteren Gedanken voller Angst, Hass und Selbstzerstörung.
Außerdem ist es keine Platte, auf der sich Hit an Hit reiht und die Metal-Fans bei Festivals mitsingen können wie beim legendären „Black Album“ von 1991 („Enter Sandman“, „Nothing else matters“). Aber „72 Seasons“ klingt so persönlich und berührend, so ehrlich und verletzlich, dass nicht nur Fans sich die Zeit nehmen und darauf einlassen sollten. Wer bis zum Schluss durchhält, wird belohnt mit dem epischen „Inamorata“, dem stärksten, mit über elf Minuten längsten Song, in dem Hetfield seinen Fans einen Hoffnungsschimmer schenkt und den Glauben an ein Überwinden des persönlichen Elends: „Misery – she’s not, what I’m living for“.
Metallica:
„72 Seasons“ (EMI) erscheint heute; Konzerte am 24. und 26. Mai 2024 im Münchner Olympiastadion.