Michael Lentz ist zweifellos ein begnadeter Sprachkünstler. Und das gilt sowohl für seine Prosa wie seine Lyrik. Allerdings liegt die Veröffentlichung seines vergangenen Gedichtbandes mehr als zehn Jahre zurück. Nun ist ein neuer erschienen: „Chora“ lautet der eigenwillige Titel. Das Buch enthält 37 lyrische Texte von unterschiedlicher Länge und Bauart. „Chora“ bedeutet bei Platon eine Art „Urmaterie“, auch „Amme des Werdens“ genannt. Und ist nicht die Poesie die Amme alles sprachlichen Werdens und das Zentrum der Sprachkunst?
„dies ist chora die nacht der mensch hängt einem entgegen“. Mit dieser Verszeile beginnt das Buch. Der Mensch – der Dichter – stellt sich der dunklen „Urmaterie“ und formt sie zu poetischer Sprache. Lentz nutzt dafür verschiedene Stilmittel. Da gibt es einmal die „Repetitio“, die Wortwiederholung: „ich bin der bruder des bruders ich bin der bruder / des bruders der tot ist ich bin der bruder des toten“. Ein lyrisches Memento mori.
Ein äußerst wichtiges Stilmittel ist zudem die Permutation. Das meint die Umstellung von Worten und Wortfolgen innerhalb eines Gedichts, die neuartige Zusammenhänge hervorbringt. „es wandelt das wort nun lose umher / als grauser name wandelt nun lose / das wort umher das lose wort / das wortlose wandelt im wort umher“. Will heißen: Worte sind mehrdeutig, haben sogar manchmal grausigen Inhalt. Und wem es graust, etwa vor dem Tod, der findet oft dafür keinen Namen – und ist eben wortlos.
Damit man aber nicht in Sprachlosigkeit verfällt, wendet sich Lentz der Sprachkraft von Neologismen zu, von Wortneuschöpfungen, auch solchen aus Begriffen vergangener Zeit. An einer Stelle heißt es: „aus den furchen quillt mir schwellenhocker / ähnlsommer verlassene schuckel“. Als „Schwellenhocker“ wird heute noch ein massiver Couchtisch bezeichnet. Und so mancher Bayer nennt den „Altweibersommer“ den „Ähnlsommer“. Und so „schuckeln“ und schaukeln die Leserinnen und Leser von Lentzens Gedicht zwischen alten Wortbedeutungen und echten Neologismen wie „endlichtnis“ hin und her. Wahrlich, die Poesie ist „Chora“, die Amme alles sprachlichen Werdens!
In seinem Buch macht Lentz etwas, was man von ihm nicht so kennt. Im Gedicht „doppelter schillerparabol“ schreibt er das Gedicht „Der spielende Knabe“ von Friedrich Schiller um, schreibt es neu auf die Jetztzeit bezogen. Bei Schiller geht es um die Geborgenheit des Kindes: „Spiele, Kind, in der Mutter Schooß! Auf der heiligen Insel / Findet der trübe Gram, findet die Sorge dich nicht“. Daraus macht Lentz: „du hast es längst / durchschaut die heilige insel ist der schrecken anfang“.
Die Bedrängnis, das Grauen ist auch bei Schiller anwesend – allerdings im Hintergrund: „Liebend halten die Arme der Mutter dich über dem Abgrund“. Bei Lentz ist das alles ins Dunkle gewendet: „es hält die liebe über den abgrund nur sich selbst“. Jegliche Geborgenheit ist hier verflogen: „wohin du siehst auf erden nur kloake“. Auch wenn in diesem Gedichtband die Welt einer „kloake“ gleicht, so bleibt sein Glaube an die poetisch-schöpferische Kraft der Sprache ungebrochen. Genau in diesem Sinne ist die Lektüre von „Chora“ zu empfehlen: Sprach-Schöpfung ist die poetische Auflehnung gegen den Ist-Zustand der Welt.
Michael Lentz:
„Chora. Gedichte“. S. Fischer, Frankfurt am Main, 127 Seiten; 24 Euro.