Sofia Sominsky ist in ihrem Leben häufig umgezogen. In Kiew geboren, in Prag aufgewachsen, die Familie der Münchnerin lebt heute in Israel. Sie spricht Tschechisch, Hebräisch, Russisch. Und hat sich doch immer gewünscht, dass es eine Sprache gibt, in der sie sich mit jedem Menschen unterhalten kann, die alle verbindet. Hat sie gefunden. „Kunst ist diese Universalsprache, die wirklich jeder verstehen kann – auch ohne Worte.“
So ein Satz könnte furchtbar abgedroschen klingen, aber durch die Art, wie Sominsky das sagt und dabei ihrer Kollegin Ingrid Lohaus zulacht, spürt man, dass hier keine einen PR-Text aufsagt. Die beiden Frauen schöpfen ihre Energie, ihre Lebenslust, auch: ihren Mut, Dinge anzupacken, aus der Kunst. Und haben es deshalb gewagt, ihren Traum umzusetzen. Sie können sich heute zwicken, so viel sie wollen: Sie sitzen jetzt tatsächlich hier, in ihrer eigenen Galerie. Und sehen sehr glücklich dabei aus.
Die zwei Kunsthistorikerinnen haben sich einst in der Galerie Rüdiger Schöttle kennengelernt, wo sie zuletzt beide tätig waren, Lohaus viele Jahre als Direktorin. Bei der Konkurrenz also. Sie sagen: bei den Kollegen. Und damit sind wir schon bei der wichtigsten Frage: Was bringt jemanden in Zeiten, in denen immer mehr Händler ins Digitale abwandern, dazu, eine analoge Kunstgalerie zu gründen? Gerade in München, mehr als 50 Galerien gibt es in der Stadt. Warum braucht’s jetzt auch noch die ihre? „Weil es gar nicht zu viele Galerien geben kann“, findet Lohaus – und schwärmt dann vom Münchner Kunstareal, zu dem sie durch ihren Standort an der Ottostraße gehören. Sie sehen ja immer wieder die Begeisterung der nationalen und internationalen Sammler, die herkommen und nicht fassen können, welch Kunstschätze einem in München geboten werden. Im Grunde eine Schande, dass das Stadtmarketing ständig mit FC Bayern und Wiesn wirbt, statt selbstbewusster in die Welt hinauszuposaunen, was es hier künstlerisch Irres zu entdecken gibt.
Aber das ist eine andere Geschichte. Und dann wieder nicht. Denn natürlich möchten auch Sofia Sominsky und Ingrid Lohaus mit ihrer Galerie Teil dieser höchst vitalen Kulturlandschaft sein. Mit Zeitgenössischem, das nicht nur hübsch anzusehen ist. Ihr Anspruch: Herz und Hirn erreichen. Sofia Sominsky beschreibt die Kunst, die sie anbieten möchten, so: „Es ist wie bei einem schönen Menschen: Man schaut ihn vielleicht eine Weile lang entzückt an, aber wenn dieser Mensch außer Schönheit nichts zu bieten hat, wird es langweilig. So ist es auch mit Kunstwerken – sind sie nur ,schön‘, werde ich sie in meiner Wohnung irgendwann nicht mehr wahrnehmen.“
Geistige Widerhaken möchten sie setzen. Research-based Art, also solche, die sich mit historischen, wissenschaftlichen Themen befasst. Wie gerade etwa in ihrer zweiten Ausstellung „No Thing dies“ von Ilit Azoulay, frisch von der Biennale. Eine israelische Künstlerin, die sich in ihren collagierten Fotoarbeiten mit unserer Geschichte auseinandersetzt, durch Veränderungen archäologischer Artefakte geschickte Umschreibungen vornimmt – und so unsere Sicht auf das Heute verändert. Da wird einem Krieger aus dem 13. Jahrhundert ein Rock verpasst, werden Männer zu Kriegerinnen.
Solche Bezüge, auch kunsthistorisch, machen den Galeristinnen großen Spaß. Deshalb ist eine ihrer liebsten Beschäftigungen noch immer die, mit Menschen gemeinsam solche Werke anzuschauen – und durch den Dialog Neues zu entdecken. „Wir werden immer wieder Gäste einladen, bei Führungen ihre Perspektive auf die Kunst zu teilen. Es ist erstaunlich, was jemand, der diese Werke, die wir täglich vor Augen haben, aus ihnen herauskitzelt“, sagt Lohaus. Ihre Nachbarn rundherum haben sie schon begeistern können. „Wir wollen das hier wirklich als lebendigen Ort für jeden offen halten.“ Auch preislich. So wechseln Ausstellungen etablierter mit denen unbekannterer Künstlerinnen und Künstler ab.
Ihre größten Fans wohnen bei ihnen zu Hause. Wenn man die zwei nach ihrer Motivation fragt, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen, kommt bei aller Begeisterung für die Kunst noch ein zweiter, privater Aspekt dazu. „Wir möchten unseren Töchtern vorleben, dass man sich nicht aufhalten lassen sollte“, sagt Sofia Sominsky. „Sie sollen lernen: Wenn du etwas wirklich möchtest, dann mach das einfach. Und wenn du gut darin bist, dann wird’s schon klappen.“
Künstlerinnen-Gespräch
Am 20. April findet um 17 Uhr ein Gespräch mit Ilit Azoulay in der Galerie statt, Ottostr. 10; Reservierung unter 089/2353 2401. Geöffnet hat die Galerie Di.-Fr. 10 -18 Uhr, Sa. 12-16 Uhr.