Flüchtlings-Horror-Picture-Show

von Redaktion

Uraufführung von „Green Corridors“ an den Münchner Kammerspielen

VON ALEXANDER ALTMANN

Nebel wallen, Mauern stürzen, und wenn ein Soldat fällt, färbt die Projektionswand auf der Bühne sich in grellem Rot. Wie es halt so zugeht heutzutage im Theater. Und wenn irgendwo gerade Krieg ist, in der Ukraine etwa, mutiert er in den Münchner Kammerspielen (Therese-Giehse-Halle) eben zur Flüchtlings-Horror-Picture-Show mit opulenten Bildern. Da sieht man gleich am Anfang dann vier Frauen im Dämmerlicht, die locker aufgereiht an einer hohen Mauer stehen wie Huren auf dem Straßenstrich. Aber nacheinander wird jede Frau von einem Spot herausgeschnitten aus der Dunkelheit: nicht nur angeleuchtet, sondern ausgeleuchtet – von der Bürokratie, von den Mitflüchtlingen, vor denen es keine Privatsphäre gibt, und von uns, den Zuschauern.

Denn als Schriftzug an der Wand, gleich einem Menetekel, erscheinen Namen sowie Schicksale der Frauen; und wie in Doppelbelichtung überblendet sind diese buchstäblich verstrahlten Damen dabei von den herrlich kindlich-komischen Graffiti, die Trickfilm-Künstlerin Sofiia Melnyk live auf der Bühne zeichnet und an die Wand projiziert (wir berichteten).

Vier Frauen am Pranger könnte diese Eingangsszene heißen, die vielleicht das Beste ist an Jan-Christoph Gockels Uraufführungs-Inszenierung von „Green Corridors“ (was man sehr frei als „Fluchtwege“ übersetzen kann) –- einer abgründigen, manchmal verstörend komischen Flüchtlingsgroteske der ukrainischen Autorin Natalka Vorozhbyt, die darin auch eigene Erfahrungen verarbeitet haben soll.

Aber um hier gleich die Flucht nach vorn anzutreten: Der Abend erzeugt gerade wegen seiner einfallsreichen, raffinierten Kulinarik sehr gemischte Gefühle. Bei allem Realismus der Details wirkt die Szenenfolge insgesamt so wunderbar surreal und traumartig, dass sie auch den Titel tragen könnte: Flüchten als schöne Kunst betrachtet. Man wird das Gefühl nicht los, Krieg und Flucht seien bei uns bloß spröde Ergriffenheits-Sensationen zur Unterhaltung der gehobenen Stände: ein „Green Corridor“ im ganz anderen, eskapistischen Sinn.

Dabei kann man der Autorin nicht vorwerfen, irgendetwas zu verharmlosen bei dieser Geschichte über vier Ukrainerinnen, die vor dem Krieg in ihrer Heimat „nach Europa“ fliehen – gespielt von beeindruckend präsenten ukrainischen Schauspielerinnen. Da gibt es die ältere „Katzenfreundin“, die ihre Tiere heimlich in einer Tasche mit auf die Flucht genommen hat. Tief traumatisiert ist hingegen die junge „Nageldesignerin“ als Opfer brutaler Vergewaltigungen. Der „Hausfrau“ mit ihren drei Kindern wiederum wurde die Wohnung zerbombt, indes ihr Mann als Soldat an der Front umkam. Und dann ist da die vierte Frau, eine prominente Filmschauspielerin, der noch kein Unglück durch den Krieg widerfuhr und die darum zum Opfer für die Wut der anderen Flüchtlinge wird, die ein Ventil für ihre angestauten Aggressionen brauchen.

Der Autorin scheint bewusst, wie heikel es ist, das reale aktuelle Leid von Menschen auf die Bühne zu bringen, weil darin die Gefahren der Ästhetisierung und der Instrumentalisierung des Schreckens lauern. Folglich montiert Natalka Vorozhbyt zwischen die Flüchtlingsszenen Episoden eines Film-Drehs über Helden der Ukraine. Dadurch soll deutlich werden, dass jede Darstellung politischer oder historischer Ereignisse Gefahr läuft, in (ideologischen) Stereotypen zu erstarren – und dass natürlich auch ihr eigenes Stück mehr oder weniger absichtsvoll Klischees ausstellt, nicht nur wenn sie die betulichen Bemühungen politisch korrekter Westmenschen karikiert. Und weil wir uns da alle ein bisschen ertappt fühlen, flüchtete sich das Publikum in langen Applaus mit Standing Ovations.

Weitere Vorstellungen

am 21., 25., 26. April, 13., 14., 25. und 26. Mai;

Telefon 089/23 39 66 00.

Vier Ukrainerinnen fliehen vor dem Krieg „nach Europa“

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