Als Anfang der Siebzigerjahre erstmals jazzvirtuose Improvisationsfantasie und rockrhythmische Wucht aufeinander-trafen, war das aufregend und elektrisierend. Bald schon geriet der kreative Urknall allerdings als Schaulaufen der Eitelkeiten in Verruf, weil der Jazzrock oder Fusion genannte neue Stil zunehmend von Macho-Posern übervölkert war, die vor allem mit antrainierter instrumentaltechnischer Perfektion beeindrucken wollten. Einer der originellsten und derlei sinnentleertem Zirkus unverdächtigen Protagonisten war das Wiener Keyboard-Genie Joe Zawinul.
Unter dem Motto „We speak Luwinaz – the Music of Joe Zawinul“ richtete nun in der ausverkauften Münchner Unterfahrt Scott Kinsey seinem einstigen Mentor einen fulminanten Tribut aus. Wie sein großes Vorbild konzentriert sich Kinsey bei der Interpretation von Weather-Report-Klassikern wie „Black Market“ auf die Konstruktion des Sound-Designs. Im Zawinul-Archiv kennt er sich aus, solistisch hält er sich eher zurück an seinen Keyboards, bei denen vom Meister einst selbst Ertüfteltes längst zur Grundausstattung gehört. Seine drei Mitspieler haben das „Schneller, höher, lauter“-Dogma dafür umso mehr verinnerlicht. Schlagzeuger Gergö Borlai lässt die Bassdrum stadiontauglich wummern, so komplex die locker übereinander geschachtelten Rhythmen auch sind, der Groove ist zuverlässig auf der Eins, Kopfnicken im Publikum garantiert. Altsaxofonist Patrick Bartley steuert in seinen Soli keine Höhepunkte an, er täuscht sie mit überdreht-quäkigen High-Note-Phrasen von Anfang an vor. Der seinen elektrifizierten Fünfsaiter sehr gitarristisch spielende Bassist Hadrien Ferraud ist als Solist ein imponierender Flinkfinger, das Ereignis aber ist, wie er als Begleiter seine Virtuosität zur harmonischen Verdichtung nutzt, den Groove der Drums aufnimmt, kontrapunktische Linien zu Sax und Keyboards erfindet.
Fusion ist im Jazz, was die Superhelden-Blockbuster im Kino sind: Storytelling schnurzegal, das Publikum kommt der Action wegen.