Kult um ein Tabu

von Redaktion

Die rosarote Komödie „Ein Käfig voller Narren“ feiert ihren 50. Geburtstag

VON GREGOR THOLL

In Saint-Tropez hat das Männerpaar George und Albin, das einen Travestie-Club betreibt, einen Sohn aufgezogen, der ausgerechnet die Tochter eines reaktionären Politikers heiraten möchte. Wie soll der Sohn von George aus einer Hetero-Liaison dem schwulenfeindlichen Schwiegervater, der auch Nachtleben verachtet, verklickern, dass er bei zwei Männern aufwuchs, von denen der eine die Dragqueen Zaza ist, Star im Club „La Cage aux Folles“?

Das ist der Stoff, aus dem das gleichnamige Theaterstück von Jean Poiret ist, das Anfang der Siebzigerjahre eine Sensation war, weil hier im Mittelpunkt stand, was sonst tabuisiert war: ein schwules Paar. Die Komödie ist dieses Jahr 50 Jahre alt geworden. Vor 40 Jahren hatte außerdem das gleichnamige Musical von Jerry Herman (Buch: Harvey Fierstein) Premiere, aus dem der Welthit „I am what I am“ stammt. Und vor 45 Jahren kam eine Verfilmung mit Michel Serrault und Ugo Tognazzi heraus. Die US-Version „The Birdcage – Ein Paradies für schrille Vögel“ gab es 1996 mit Robin Williams und Nathan Lane.

Der französische Titel „La Cage aux Folles“ heißt wörtlich übersetzt so viel wie „Der Käfig der Verrückten“. „Folle“ kann aber auch „Tunte“ bedeuten, dann hieße es also wohl „Der Tuntenkäfig“. Gloria Gaynor, Shirley Bassey – viele haben den Ohrwurm „I am what I am“ des 2019 gestorbenen Komponisten Herman („Hello, Dolly!“) interpretiert. Bei vielen Homosexuellen, Dragqueens und Travestiekünstlern genießt das Lied Kultstatus.

Dass auch Frauen den Titel singen, ist bemerkenswert, weil der Text eigentlich ein selbstbewusstes Schwulen-Coming-out besingt. Das Lied kann aber eben auch allgemein als eine Art Selbstermächtigungssong für Diskriminierte gelesen werden – für alle, die sich ein Leben jenseits kleinkarierter Konventionen wünschen.

„Natürlich kann man sagen: Das ist eine narzisstische Attitüde: Ich bin, was ich bin – und du musst mich akzeptieren“, meint Regisseur Barrie Kosky, dessen Musical-Inszenierung gerade an der Komischen Oper Berlin läuft. „Aber das ist eigentlich nicht das Thema. Das Thema ist: Ich bin respektvoll zu dir – bitte respektvoll zu mir sein. Und ich finde das eine wunderbare Message für ein Musical.“

Das Theaterstück von Poiret feierte im Februar 1973 Premiere in Paris. Die deutsche Erstaufführung fand 1978 im Hamburger Operettenhaus statt. Und dass man mit dem Musical noch heute manchen provozieren kann, hat Kosky gerade in Berlin bewiesen: Eine Vorstellung wurde am vergangenen Karfreitag angesetzt. Undenkbar in Bayern.

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