Minidramen ohne Kompromisse

von Redaktion

Tori Amos mit einem außergewöhnlichen Auftritt in der Isarphilharmonie

VON MARCO SCHMIDT

Das muss man sich erst einmal trauen: Anstatt einfach ihre neue Platte und ihre größten Hits zu präsentieren, stellt Tori Amos auf ihrer Europatournee jeden Abend ein völlig neues Programm zusammen. Mittlerweile kann sie auf ein riesiges Repertoire aus hunderten von Liedern zurückgreifen. Bei ihrem außergewöhnlichen Auftritt in der Isarphilharmonie spielt sie nur zwei Songs ihres neuen Albums „Ocean to Ocean“, dafür aber umso mehr Raritäten wie „Upside down“, „Take to the Sky“ und „Daisy dead Petals“, die sich versteckt auf den B-Seiten von Singles aus den Jahren 1991, 1992 und 1994 finden – kunstvoll komponierte Minidramen, schmerzhaft intensiv und fernab vom Mainstream-Einerlei. Es ist schon eine Schau, wie diese lebende Legende auf ihrem Klavierstuhl thront: breitbeinig, in wallenden Gewändern und Stöckelschuhen, den linken Fuß auf dem Pedal des Bösendorfer-Flügels, den rechten auf dem E-Piano-Pedal – und den Mund oft so fest an eines der beiden Mikrofone gepresst, dass so mancher Atemzug zum tosenden Orkan wird. Während ihre linke Hand in den Bässen des Flügels wühlt, lässt die rechte etwa virtuose Doppelgriff-Kaskaden aus dem E-Piano perlen, und dazu haucht, singt, fleht, schluchzt oder jault ihre Stimme ohne Rücksicht auf Verluste.

Tori Amos bietet nichts Herziges und schon gar nichts Halbherziges, sondern stets Abenteuer, Aufbäumen, Ausnahmezustand. Dass die 59-Jährige mit dieser Kompromisslosigkeit seit drei Jahrzehnten erfolgreich ist und auch in München wieder für Jubelstürme sorgt, hat etwas sehr Ermutigendes. Schade nur, dass sie an diesem Abend so gut wie kein Wort ans Publikum richtet, dass ihr Flügel oft scheppernd, klirrend oder verwaschen klingt – und dass ihre an sich hervorragenden Begleitmusiker (Bassist Jon Evans und Schlagzeuger Ash Soan) häufig das prächtige Piano-Spiel und die poetischen Texte übertönen. So wird das feinsinnige, ganz allein am Bösendorfer vorgetragene Leonard-Cohen-Cover „Famous blue Raincoat“ zu einem Höhepunkt des Konzerts, denn es zeigt: Tori Amos braucht nur einen einzigen Flügel, um sich in höchste Höhen aufzuschwingen – und uns auf ihren High Heels in den Pop-Himmel zu entführen.

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