So wird kein Schuh draus

von Redaktion

AUSSTELLUNG „Disney 100“ in der Kleinen Olympiahalle ist wenig magisch

VON KATJA KRAFT

Sagen wir’s, wie’s ist: Diese Ausstellung ist eine einzige große Disney-Werbung. Mein Gott, was muss dieser Walt für ein Mann gewesen sein. So klug und kreativ und menschenfreundlich. Tierlieb auch. Immer den Schutz der Umwelt, ach was, des ganzen Planeten im Blick. Denken wir größer! Weil größer denken bekanntlich Walts Spezialität war. Wie hat er das formuliert? „Kein Abenteuer ist unwahrscheinlich oder unmöglich.“

Man liest viele solcher Sprüche des unvergleichlichen Walter Elias „Walt“ Disney (1901-1966) in der Ausstellung, die anlässlich des 100. Geburtstages seiner 1923 gegründeten Company, die längst zum weltumspannenden Imperium geworden ist, in der Kleinen Olympiahalle zu Gast ist. Sie trägt, wie alles in diesem Kosmos, den Markennamen: „Disney 100“.

Schon beim Presserundgang vorab sind alle aus der „Disney-Familie“ total „excited“. Weil das eben ein „very special Day“ ist. Ein „Once-in-a-Lifetime-Event“. Denn: die „Europapremiere“. Um auch ja jeden Geschmack zu treffen, schickt Disney eine Schau für das amerikanische und eine fürs europäische Publikum ins Rennen. Letztere startet in München. Becky Cline, Direktorin der Walt Disney Archives, ist sichtlich superhappy. Und man selbst wird auch ganz aufgeregt: Muss ja was Dolles sein, das da hinter den schwarzen Türen wartet. Eine magische Welt, in der Träume wahr werden. Na ja, zumindest die der Marketingabteilung des US-Konzerns.

Kinder (ab 12,90 Euro) und Erwachsene (24,90 Euro) sollen hier laut Veranstalter Dieter Semmelmann (Semmel Concerts) einmal etwas genießen, was man in Museen seiner Meinung nach nur selten finde: eine Erlebniswelt für die ganze Familie. Das, was man hier tatsächlich geboten bekommt, sind dann allerdings nicht viel mehr als blinkende Bilder, Klangteppiche und Text-Häppchen.

Deren Inhalt ist immer nach demselben Schema aufgebaut: Die Entstehung eines überaus besonderen, eigentlich unbelievable Werks aus dem Disney-Portfolio wird erklärt und dann holzhammerartig darauf hingewiesen, warum es sich dabei um einen Meilenstein der Filmgeschichte handelt. „Rapunzel: Neu verföhnt“ (2010) beispielsweise hauche dem Grimmschen Märchen „eine aktuelle Sensibilität ein, indem Rapunzel als eine lebhafte junge Frau dargestellt wird, die sich bewusst ist, dass in ihrem Leben etwas fehlt und sie die Sicherheit ihres Turms hinter sich lassen nuss, um herauszufinden, wer sie eigentlich sein sollte“. Alles in allem noch einmal wenig subtil und ja, sehr amerikanisch zusammengefasst: „Was Disney so einzigartig macht: Unsere Geschichten bedeuten den Menschen etwas. Sie inspirieren, geben Hoffnung, vereinen, erklären die Welt, schaffen Erinnerungen. Das ist der Zauber von Disney.“ Eigenlob können sie.

Was wirklich unbelievable ist: Dass hier mit keinem Wort kritisch hinterfragt wird, ob die 100 Jahre denn tatsächlich eine solch filmreife Geschichte waren, wie sie sich ein Disney-Zeichner nicht schöner hätte ausmalen können. Der einzige Bruch in der lupenreinen Biografie des Walt Disney wird zu Beginn verhandelt. Da wurden ihm die Rechte an seinem „Oswald, der lustige Hase“ geklaut. Der perfekte Start für die Heldenreise. Denn dieser Misserfolg, der fast seinen Bankrott bedeutet hätte, passt natürlich herrlich in die Legendenbildung: Durch diese negative Erfahrung lernte der junge Walt, dass jedem Scheitern die Chance auf einen Neustart innewohnt.

„Disney hat – ohne Zweifel – Milliarden von Menschen Freude gebracht, aber er war ein Sexist und Rassist. Er gründete und unterstützte antisemitische Seilschaften“, hat Meryl Streep es einmal formuliert. Das wäre doch ein wirklich interessantes Thema für eine Ausstellung: Wie war dieser Disney wirklich? Jetzt nicht die fröhliche saubergespülte Trickfilmversion, sondern die, die auch mal wehtun kann.

Was also lernt man tatsächlich Spannendes in dieser Schau, in der Plakate auf den Streamingdienst Disney+ hinweisen, durch den man noch mehr „über den Zauber von Disney“ erfahre? Nicht besonders viel. Interessant ist die innovative Multiplane-Kamera, durch die Disney-Trickfilme ihre besondere Tiefe erhielten. Ansonsten (meist reproduzierte) Skizzen, Requisiten, Plakate von Film für Film für Film. Richtig peinlich wird’s dann allerdings in einem der letzten Räume, in dem man sich – natürlich! – der Nachhaltigkeit verschreibt. Da erfahren wir, dass die Disneynature-Filme, die je am Tag der Erde in die Kinos kommen, Gutes tun: ein Teil der Eintrittsgelder des ersten Tages wird an eine Naturschutzkampagne gespendet. Irre großzügig. Wer jemals in einem der Disneyparks war (auch die Thema der Schau, da kommt man sich dann vor wie in einem Reisebüro) und dort selbst in den Restaurants alles auf Plastik- und Pappgeschirr serviert bekam, das danach in der Tonne landete, ist angesichts dieses dreisten Greenwashings schon fast wieder beeindruckt.

Bis 3. September

in der Kleinen Olympiahalle, Mo.-Mi. 10 bis 18 Uhr, Do./Fr. 10 bis 20 Uhr, Sa. 9 bis 20 Uhr, So. 9 bis 18 Uhr; Tickets unter disney100exhibit.com

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