Die eigenwillige Ikone

von Redaktion

Zum 20. Todestag von Jazz-Legende und Jahrhundertereignis Nina Simone

VON ZORAN GOJIC

Im Jahr 1987 ist Nina Simone nur noch notorischen Jazzfans und Nostalgikern ein Begriff. Aber ihre Version des Standards My Baby cares for me aus ihrem Debütalbum (1959) wird durch den Werbespot eines Parfümherstellers und ein extravagantes Musikvideo des Animationsstudios Aardman unverhofft zu einem Hit. Simone hasst das Video und verdient kaum etwas am Hype, weil sie seinerzeit die Rechte an ihrer LP für 3000 Dollar verkauft hat, aber sie ist wieder in aller Munde. Sie zieht nach Holland, wo das Lied an die Spitze der Charts steigt, später in die Schweiz, dann nach Südfrankreich und erlebt einen späten zweiten Frühling. Nach ihrem Geschmack zu spät. Als sie 2003 nach schwerer Krankheit stirbt, ist nur wenigen klar, was für eine Ausnahmekünstlerin da gegangen ist.

Eunice Kathleen Waymon, wie Simone eigentlich heißt, wird 1933 in den Südstaaten der USA geboren und will Konzertpianistin werden, seit sie mit drei Jahren gelernt hat, Klavier zu spielen. Ihr Favorit ist Johann Sebastian Bach, aber beim Vorspielen an der Musikakademie in Philadelphia fällt sie durch, obwohl sie brillant ist. Simone ist sicher, es liegt an ihrer Hautfarbe. Sie ist die einzige Afroamerikanerin im Bewerberfeld, und man schreibt 1954 – in den USA ist die „Rassentrennung“ Alltag.

Simone nimmt trotzig Privatstunden und finanziert das mit Auftritten in Nachtclubs. Als man ihr sagt, mit Gesang würde sie mehr verdienen, singt sie, und das ist der Start einer erstaunlichen Karriere. So eine Stimme hat man noch nie gehört: Dunkel, leidenschaftlich und doch betörend entspannt. Es folgen Plattenverträge, sensationelle LPs, sagenumwobene Konzerte, die entweder grandios sind oder desaströs. Simone will Respekt und Aufmerksamkeit. Wenn das nicht gegeben ist, zieht sie in den Krieg mit dem Publikum. Wahlweise auch mit Journalisten oder Studiobossen. Sie hat keine Lust, der Gnade von unbegabten Besserwissern ausgeliefert zu sein. Auf das Gerücht, sie hätte den Vertreter einer Plattenfirma mit einem Messer bedroht, reagiert sie im BBC-Interview erbost. „Es war kein Messer, es war eine Pistole.“ Ob ihr das leid tue, wird sie gefragt und antwortet: „Nur, dass ich ihn verfehlt habe.“

So unfassbar talentiert Simone als Pianistin, Sängerin, Arrangeurin, Komponistin und Entertainerin ist, so unberechenbar ist sie als Person. Das nagende Gefühl, unterschätzt und missachtet zu werden, macht sie verbissen. Gleichzeitig weiß sie, dass diese Verbissenheit ihr größter Feind ist. Während sie sich als Musikerin eine Anhängerschaft erspielt, den Respekt der Kollegen erarbeitet, Meilensteine der Musik einspielt und zur Ikone der Bürgerrechtsbewegung wird, taumelt sie privat von Desaster zu Desaster. Gescheiterte bis katastrophale Beziehungen, Abstürze und zunehmend irrationales Verhalten (heute würde man das bipolar nennen) bringen ihr den Ruf ein, schwierig zu sein.

Nachdem sie sich in den Sechzigerjahren in den Kampf um die Rechte der Afroamerikaner wirft und Konzerte als Plattform für Kundgebungen nutzt, verliert sie in den Siebzigern, zermürbt vom Zynismus des Showbusiness und der Ignoranz der Öffentlichkeit, die Lust und zieht sich zurück. Sie verlässt die USA, tritt vorwiegend in Europa auf und verzweifelt an der Welt und sich selbst. Fast vergessen, nimmt sie den Rummel nach dem Überraschungserfolg von My Baby cares for me grummelnd hin.

Heute sind ihre Musik, ihr Stil, ihre Haltung Teil des kulturellen Erbes der Moderne. Und sie selbst ist ein Vorbild für junge Musikerinnen. Sehr zu Recht ist sie immer noch präsent, ihre Lieder wie Sinnerman oder Mississippi Goddam sind unverwüstliche Klassiker. Nina Simone ist ein Jahrhundertereignis gewesen. Sie selbst hat das immer gewusst.

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