Ein Engler ist gelandet. Der braucht am Mittwochabend in der Olympiahalle keinen Steg durchs Publikum, der fliegt mit seiner charmanten Art von der Bühne direkt in die Herzen der Fans. Nach fünf Jahren Abstinenz wieder Lebensfreude PUR unter den rund 10 000 Zuschauen beim Auftakt der Hallentournee.
2001 kam die Platte PUR – 20 Jahre eine Band heraus. (Ist das jetzt echt schon wieder zwei Jahrzehnte her?!) Und nach all den PUR-Konzerten, die man seither erlebt hat, stellt man in der Olympiahalle fasziniert fest: Das Prinzip der einstigen Schülerband funktioniert noch immer. Frontmann Hartmut Engler spricht an exakt den gleichen Stellen wieder exakt die gleichen Sätze und Anfeuerungen („Geil, mehr!“) wie eh und je. Die Fans kennen die Momente, an denen er sie bitten wird, den Gesang zu übernehmen, in und auswendig durch den Live-Mitschnitt des damaligen Best-of-Albums – und halten sich seither treu an die vorgegebene Choreografie. Dass das bei dem bunt gemischten Publikum keine abgenutzte Routine, sondern wohliges Heimatgefühl auslöst, liegt wohl daran, dass man Engler auch zum 873. Mal seine Begeisterung für das Blitzen der Funkelperlenaugen oder die immerjunge Lena abnimmt. PUR haben nichts von Schlager-Kitsch; sie haben es geschafft, trotz allem Erfolg irgendwie immer Bietigheim-Bissingen zu bleiben. Casio statt Apple Watch; kurzärmeliges Freizeithemd statt Showtreppen-Zwirn. Zynismusfreie Herzlichkeit statt vollgekokstes Dauergrinsen.
Und dann natürlich immer wieder Abwege vom Altbekannten. Neben den Hits von Hör gut zu bis Wenn du da bist gibt’s auch an diesem Abend neue Lieder, die dank eingängiger Melodien schnell in die Ohren gehen. Keiner will alleine sein zum Beispiel. 2020 geschrieben, inmitten vom Corona-Wahnsinn. Strahlend singt der Engler jetzt: „Ich singe für mein Leben gern und für dich/ Für euch und für dich/ Und ich tu’ das von Herzen so gern.“ Man glaubt ihm jedes Wort.
Was man ihnen hoch anrechnen muss, ist, dass sie in all den Jahren immer das Risiko gegangen sind, in den Songs eine klare Haltung zu Themen einzunehmen, die manche abschrecken könnte. Die Schützenfest-Besucher, die beim PUR-Medley mitgrölen, finden Texte wie den des neuen Verschwörer (laut) über Impfgegner vielleicht nicht ganz so partytauglich. Aber des Erfolgs wegen alles Heikle aussparen? Nicht mit dieser Band.
Und deshalb lassen sie sich auch ihre umstrittene Nummer nicht nehmen. Doch wirkt das nicht provokant oder bewusst auf Krawall aus, wenn Engler Indianer anstimmt. Im Anschluss kommentiert er: „Ich sage es sicherheitshalber noch einmal, dass es in diesem Lied nicht um die Nöte der amerikanischen Ureinwohner geht, sondern um Kindheitserinnerungen.“ Um eine Märchenwelt, in der es die Guten gibt. Also eigentlich wie ein Abend mit PUR. Eine Reise ins Abenteuerland – da fliegt man immer wieder gerne mit.