Wie sie da fliegt, die Arme ausgebreitet, im Spagat, selbst den kleinsten Finger gestreckt, den Blick gen Himmel, ein Lächeln auf den Lippen. Zuverlässig getragen von muskulösen Armen eines Tänzers, der die zarte Frauengestalt scheinbar mühelos über seinen Kopf hält. Atemberaubend. Und nur eine der vielen Hebefiguren aus dem Programm der 21-köpfigen kubanischen Tanzcompany Ballet Revolución, die heuer ihr zehnjähriges Bestehen feiert und ab 25. April im Circus Krone gastiert.
Einige der besten Tänzer und Tänzerinnen Kubas sind hier versammelt. Ihr Stil vereint klassisches Ballett, Streetdance und Contemporary, für den der Wechsel aus Körperspannung und Entspannung so typisch ist. Aber da ist noch diese gewisse Prise Einzigartigkeit, eine subtile Erotik, die in jeder Bewegung mitschwingt. Etwas, das man gern und leicht als kubanisches Lebensgefühl beschreibt und was sich wohl nicht erlernen lässt.
Choreograf Roclan González Chávez versucht sich an einer Erklärung: „Kubanische Tänzer bewegen sich anders als alle anderen Tänzer der Welt. Der afro-kubanische Tanzstil gibt den Kubanern eine große Lockerheit in den Schultern und Hüften.“ Wenn sie tanzen zu Rhythmen von Justin Timberlake, Ed Sheeran oder Camila Cabellos „Havana“, sich bewegen und biegen, dann ist das nicht nur dynamisch oder elegant, fließend, hitzig oder kraftvoll – es ist Magie. Und man entkommt diesem Gefühl als Zuschauer kaum.
Neben großem Talent ist mindestens so viel Arbeit und Engagement nötig, um es ins Ballet Revolución zu schaffen. Was da so leichtfüßig aufs Parkett gebracht wird, ist in Wahrheit Hochleistungssport. Viele der Ensemblemitglieder haben auf Teile ihrer Kindheit und Jugend verzichtet, auf Freunde und Familie – alles für den Traum vom Tanz. Sie stammen aus Dörfern, Siedlungen oder Kleinstädten, die wenigsten aus Havanna, der Hauptstadt. Manches Talent wurde von Sozialarbeitern entdeckt, die vor Ort mit den Kindern Theater spielen, tanzen, singen und malen.
Denn auch das bedeutet es, im sozialistischen Kuba aufzuwachsen: Man kümmert sich um den Nachwuchs. Und wer etwas kann, Begabungen in sich trägt, wird darin intensiv unterstützt – von außergewöhnlichen Leistungen profitiert schließlich auch der Staat. Sei es in Form von Devisen oder als Aushängeschild. Es gibt einige Tanz-Kaderschmieden. Weil aber für die Kids der tägliche Weg von zu Hause in die Schule nicht selten zu zeitaufwendig ist, beziehen viele ein Bett im Internat. Fortan ist deren Leben streng getaktet, Fleiß, Disziplin und Entwicklung zählen. Nach dem Prinzip „Nur die Besten der Besten“ wird gefördert, gedrillt – oder gnadenlos aussortiert.
Für ihren Lebenstraum nehmen das die Kinder ganz selbstverständlich in Kauf. Der Einsatz lohnt, am Ende winkt ein Studienplatz an Hochschulen wie etwa der Escuela Nacional de Ballet in Havanna. Hier erhalten die Studierenden eine fundamentale Ausbildung in allen zeitgenössischen Tanzformen und in klassischem Ballett, erlernen zudem technische Perfektion und Ausdrucksstärke. Die Absolventen sind nicht umsonst wegen ihres einzigartigen Könnens nicht nur auf Kuba, sondern weltweit gefragt.
Wer es dann zur Company Ballet Revolución schafft, ist oben angelangt: Für das Ensemble öffnet sich die Welt, es reist, wird bejubelt und gefeiert, knüpft internationale Kontakte – für Kubaner noch immer alles andere als selbstverständlich. Und man verdient genügend Geld, um die Familie daheim zu unterstützen. Das sei doch ganz selbstverständlich, sagt einer der Tänzer und wundert sich über die Frage nach dem Warum.
Die Zeit in der Company ist freilich begrenzt. Bei aller Leidenschaft und hartem Training fordert der Beruf seinen Tribut: Ab einem Alter von etwa 30 Jahren beginnt der Körper zu streiken, das Verletzungsrisiko steigt. Doch mit ein bisschen Glück werden die erstklassigen Tänzer zu gefragten Tanzlehrern, Regisseuren oder Choreografen. Der Ruf der kubanischen Company – er reicht über das Karriere-Ende als Tänzerin oder Tänzer hinaus. Für ihren Erfolg trainiert die Crew bis zu acht Stunden pro Tag.
In den Türstöcken der Escuela Nacional de Ballet in Havanna drängen sich oft die Eleven, um den Profis beim Training zuzusehen. Der Schweiß fließt, doch Anstrengung ist nicht zu spüren. Eher Leidenschaft. Die Tänzer wiegen sich, als wären sie Schilf. Muskelarme heben zierliche Tänzerinnen und lassen sie sanft wieder herabgleiten. Die Blicke dazu verlockend, einladend. Lächeln, Augenaufschlag, es knistert. „Havana u nana“ singt Camila Cabello. Und man beginnt zu ahnen, was mit kubanischem Lebensgefühl gemeint ist.
Gastspiel
vom 25. bis 30. April im Circus Krone; Nachholtermine für Pandemie-Absagen; gekaufte Tickets bleiben gültig; Infos und Karten unter muenchenticket.de.