Wer lustig-leichte Unterhaltung sucht, der kann zu Disney in die Kleine Olympiahalle gehen. Wer sich aber ernsthaft auseinandersetzen möchte mit Schmerz, Krieg, auch dem, den wir gedankenkreisend mit uns selbst führen, mit Trauer, Endlichkeit, mit allem also, was dieses schrecklich-schöne Leben eben auch ausmacht, der reise ins Diözesanmuseum Freising. Dass sich die Fahrt dorthin seit der Wiedereröffnung wegen der fantastischen Dauerausstellung ja schon ganz grundsätzlich lohnt, kann man nicht oft genug betonen. Nun setzen Museumsdirektor Christoph Kürzeder und sein Team mal wieder einen obendrauf. An diesem Wochenende eröffnet mit Berlinde De Bruyckeres „City of Refuge II“ im Erdgeschoss eine Ausstellung, die fordert und provoziert, verstört, abstößt. Und in all dem doch anzieht. Wenn man bereit ist, hinzuschauen – obwohl es wehtut.
Die monumentale Skulptur „Arcangelo“ der belgischen Künstlerin kennen Besucher des Museums bereits. Der Engel balanciert auf einer Granitsäule im Lichthof des Hauses. Gelandet oder zum Abflug bereit? In dieser verstörenden Arbeit klingt De Bruyckeres Lebensthema an, ihre fortwährende Auseinandersetzung mit den Dualitäten des Daseins. Leben und Tod, Krieg und Frieden, Abhängigkeit und Freiheit. Wenige Meter von „Arcangelo“ entfernt liegt nun ein weiterer Engel, extra für die Schau geschaffen. Kuratorin Petra Giloy-Hirtz hat ihn so platziert, dass beide Werke einen Dialog miteinander eingehen. Aber auch „Liggende – Arcangelo III“ ist jetzt nicht die fröhliche Disney-Variante. Dieser himmlische Bote scheint direkt aus der Hölle zu kommen. Die Beine wirken wie die einer Wasserleiche, das Fell, das den Oberkörper bedeckt, scheint sich mit dem grauen Fleisch zu verbinden. Ein schauriges Zwischenwesen aus Engel, Mensch, Tier. Voll künstlerischer Perfektion gefertigt aus koloriertem Wachs und Kuhfell.
Mit der Arbeit an „Liggende – Arcangelo III“ begann De Bruyckere während des ersten Corona-Lockdowns. In diesem Werk drückt sich die ganze elende Erschöpfung aus, die einem Virus gleich unsere Gesellschaft erfasst hat. Die Einsamkeit der Sterbenden in den Kliniken, die Abgeschlagenheit von Ärzten und Pflegenden. Doch jetzt kommt’s: Dieser Engel ist nicht tot. Vereinzelte rosa Flecken an den Fersen, den Schenkeln zeigen, dass das Blut noch zirkuliert. Wird der Engel wieder fliegen?
Im Lichthof erinnert die Installation „Betten“ an De Bruyckeres verstorbene Mutter. Gefertigt ist das Werk unter anderem aus Decken, die die 1964 geborene Künstlerin mehr als ein Jahr lang im Freien hat liegen lassen. Die Natur wurde zur Malerin, hat überall ihre Spuren hinterlassen. Decken als Symbol für das Leben selbst: Sie wärmen uns, wenn wir krank sind, wenn wir schlafen, wenn wir lieben, wenn wir sterben. Wir schicken sie Menschen in Not. Auch darauf möchte De Bruyckere mit den abgerissenen Stoffen verweisen: das weltweite Leid, das wir durch unsere Hilfe doch nicht lindern können. Letztlich an das Scheitern der Gesellschaft: „Wir haben zu viel versprochen.“
Durch den Kontext, in dem ihre Werke jetzt hängen, entstehen religiöse Assoziationen. Beim Anblick der geschichteten Decken in „Courtyard Tales“ kommt einem das Schweißtuch der Veronika in den Sinn; oder die versehrte Nackte, deren Gesicht von Pferdehaar verdeckt ist: Sie lässt einen an Maria Magdalena denken. Und durch den Ausstellungstitel „City of Refuge II“, Stadt der Zuflucht, an all die Flüchtenden dieser Welt. Ist De Bruyckere religiös? Sie denkt nach. „Das kommt darauf an, wie Sie religiös definieren. Ich war ab meinem fünften Lebensjahr auf einer kirchlichen Schule, die christlichen Bilder haben mich geprägt. Im Anspruch, ein guter Mensch zu sein, anderen zu helfen.“ Doch genauso hätten sie ihre Aufenthalte in anderen Kulturen wie Iran oder Indien nachhaltig beeinflusst. Auch die Mythologie. „Das hat mich gelehrt, dass Menschen zu allen Zeiten und überall auf der Welt nach einem Medium suchen, durch das sie das Leben reflektieren, bewältigen können.“ Ihre Kunst soll ein solches Medium sein. Wer es aus Scheu nicht nutzt, ist selber schuld.
Bis 17. September
Domberg 21, Freising; Di.-So. 10-18 Uhr.