Von 1992 an bis weit in die Nullerjahre hinein war der Night Club im Bayerischen Hof eine Institution im Münchner Live-Geschehen. Unzählige Stars der US-Jazz- und Latin-Szene, für die die Unterfahrt zu klein und die Philharmonie überdimensioniert waren, gaben sich die Klinke in die Hand, begeisterten in einer Atmosphäre, in der man förmlich den Atem aus den Saxofontrichtern spüren konnte und einem die Schweißperlen der Sänger den Longdrink vor der Bühne zu strecken drohten.
Danach dünnte das Programm allmählich aus, der Club verschwand vom Radar des Jazz-Publikums. Von Mai an will nun der Kulturjournalist Oliver Hochkeppel den Night Club mit neuen Ideen zu alter Größe führen. Hotel-Chefin Innegrit Volkhardt, deren Jazz-Begeisterung die ursprüngliche Reihe „New York im Bayerischen Hof“ zu verdanken war, habe ihn zu Jahresbeginn gefragt, ob er nicht jemand für die neu zu besetzende künstlerische Leitung wüsste, erzählt Hochkeppel. Nachdem die von ihm avisierten Kandidaten aber anderweitig gebunden waren, sei es irgendwann auf die Frage hinausgelaufen: „Und wenn du es selbst machst?“
Da habe er nach einiger Überlegung nicht mehr Nein sagen können, meint Hochkeppel und verweist darauf, dass er den Jazz nicht nur als Kritiker, sondern als langjähriger Jury-Vorsitzender des BMW Welt Jazz Award sowie als Kurator von Reihen in Unterschleißheim und Frankfurt am Main auch von der organisatorischen Seite her kenne. „Mir war klar, dass man, um wieder Erfolg zu haben, ein paar Rahmenbedingungen verändern muss.“ Hochkeppel nennt dazu drei „Stellschrauben“. Erstens werde es für die Jazzkonzerte eine eigene Getränke-Karte mit reduzierten Preisen geben – das Preisniveau eines Fünf-Sterne-Hotels wirke auf Unterfahrt-Stammgäste eher abschreckend.
Als „Hauptbeschwerdegrund“ für die Ablehnung des Night Club hat Hochkeppel indes identifiziert, „dass die Leute Eintritt bezahlt haben für ein Konzert, das sie dann oft nicht störungsfrei genießen konnten“. Früher hätten Hotelgäste nämlich bei freiem Eintritt dabei sein dürfen – „die haben oft gar nicht gemerkt, dass sie in ein Konzert reinplatzen“. Um Spannungen zwischen Musikliebhabern und Gästen, die sich nur bei einem Drink unterhalten oder feiern wollen, zu vermeiden, hat Hochkeppel nun durchgesetzt, dass auch Hotelgäste bei den von ihm verantworteten Jazzkonzerten den vollen Eintritt bezahlen müssen.
Bleibt als dritte und wichtigste Stellschraube das Programm. Da ergebe es keinen Sinn, an die US-zentrierte Anfangszeit des Clubs anknüpfen zu wollen, meint Hochkeppel. Viele der New Yorker Aushängeschilder von damals seien ohnehin mittlerweile tot: „Ich will einen anderen Weg fahren, nicht zuletzt mit Namen, die man noch nicht so auf dem Schirm hat, und das vor allem gebündelt. Ich will jeden Monat unter ein, wenn auch nicht allzu sklavisch befolgtes Motto stellen, damit das Ganze Struktur bekommt und nicht einfach eine Handvoll Konzerte über den Monat verstreut sind.“
Fünf bis zehn motivisch zusammengefasste Konzerte sollen es pro Monat werden, der Mai ist „Elementary Closeness“ überschrieben. Was diffus anmutet, begründet Hochkeppel damit, dass Bassistin und Sängerin Ellen Andrea Wang zum Auftakt am 2. Mai ihr Album „Closeness“ vorstellt und „auch die anderen Bands, besonders die Sänger, auf der emotionalen Schiene fahren“.
Einer dieser Vokalisten ist der hierzulande noch zu entdeckende Darrian Ford (16. Mai), der Hochkeppel sehr an Al Jarreau erinnert. Zu den weiteren mutmaßlichen Höhepunkten im Auftaktmonat zählen Gastspiele der Saxofonisten Steve Coleman (3. Mai) und Daniel Erdmann (31. Mai). Ebenfalls wiederbeleben will Hochkeppel nach drei Jahren Corona-Pause den Münchner Jazzsommer. Eröffnet wird das Festival mit der Weltpremiere eines eigens dafür geschriebenen neuen Programms der Jazzrausch Bigband. Ein sinnstiftendes Motto bekommt auch die letzte Juliwoche. Hochkeppel hat sie, „frei nach Mark Twain“, mit „Bummel durch Europa“ überschrieben, weil: „Jetzt kann sich die amerikanische Jazzmutter mal anschauen, was aus ihren Kindern in Europa geworden ist.“
Informationen
und Reservierungen unter bayerischerhof.de/erleben-geniessen/eventkalender.