Claudia Scholz war skeptisch. Künstliche Intelligenz (KI), NFTs, Augmented Reality. Soll das die Zukunft des Kunstmarktes sein, von der alle sprechen? Doch offener Geist, der sie ist, entschied Scholz: „Wenn all das kommt, dann stelle ich mich dem.“ Deshalb zeigt sie nun die erste Digitalausstellung in ihrer Galerie „All you can Art“.
Wer hineintritt, blickt sich erstaunt um: Da hängen ja lauter analoge Gemälde. „Das täuscht“, meint Scholz lachend. Und greift zum Smartphone. Hält sie es etwa vor eine Malerei von Manuela Karin Knaut, erscheint die digitale Variante des Bildes auf dem Display, doch diesmal sprießen animierte Blumen aus der Leinwand.
Na ja, hübsche Spielerei, denkt man sich. Aber wie war das? Offen bleiben, sich dem stellen. „In den USA sind sie in Bezug auf KI schon viel weiter“, hört man sehr häufig, wenn man sich mit den in der Galerie vertretenen Künstlern unterhält. Weil aus den USA bekanntlich ja immer die richtig guten Sachen kommen, nicht wahr? Fast Food zum Beispiel. Oder grüne Gentechnik.
„KI ist die Zukunft.“ Na, dann blicken wir mal unvoreingenommen in diese Zukunft. Wollen die künftigen Menschen denn wirklich alle auch beim Kunstgenuss ununterbrochen aufs Smartphone oder auf andere Bildschirme glotzen? Interessant ist, dass gerade die, die sonst viel von Nachhaltigkeit schwatzen, mit einer Selbstverständlichkeit die digitale Kunst preisen – wie viel Energie durch deren Entstehung benötigt wird (das Füttern der KI-Programme kostet unheimliche Datenmengen), wird dabei gern unterschlagen.
Jochen Hirschfeld wirft einen wohltuend kritischen Blick auf die neuen Formen des künstlerischen Schaffens. „Latent Space“ heißt das Werk, das von ihm zu sehen ist. Er hat ein KI-Programm mit dem Auftrag gefüttert, etwa einen Liebesbrief einer Maschine an einen Menschen zu schreiben. Den druckte er mehrere Male übereinander auf einem 40 Jahre alten Matrixdrucker aus. Die Buchstaben sind so angeordnet, dass daraus ein Bild entsteht. Mann und Frau, einander zum Kuss zugewandt. Von Ferne zieht einen die warme Atmosphäre an, doch tritt man näher, erkennt man, was sich darunter verbirgt. Kühle, berechnete Datensätze. „Mir geht es um das ambivalente Verhältnis von Mensch und Maschine“, sagt Hirschfeld. „Die Wahl der alten Technologien zeigt, wie schnell die technische Entwicklung vor sich geht.“ Texte in Bilder zu verwandeln, ist tatsächlich kein neues Verfahren: ASCII-Art, wie Hirschfeld sie betreibt, begann in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Überhaupt sollte man sich in der Diskussion um Künstliche Intelligenz häufiger in die Vergangenheit denken. In die Anfangszeit der Fotografie etwa. Ein beliebter Satz von damals? Das ist die Zukunft! Es wurde ein Teil davon. Konnte die Malerei aber nicht verdrängen. Der Mensch findet immer einen Weg, sich künstlerisch auszudrücken. Bleiben wir offen. KATJA KRAFT
„All you can Art“
Theresienstraße 58, Mi.-Fr. 14-19, Sa. 12-16 Uhr