Sturz ins Abenteuer

von Redaktion

Isabelle Faust und Enrico Onofri beim Münchener Kammerorchester

VON GABRIELE LUSTER

Die „schmutzigen Klänge“, die sich György Ligeti wünschte, mutet er nicht der Solo-Violine zu. So durfte am Donnerstag im dicht besetzten Prinzregententheater auch Isabelle Faust (Foto: Felix Broede) mit dem Schönklang ihres Instruments und mit all ihren Spiel- und Ausdruckskünsten punkten. Sie widmete sich mit Hingabe der zweiten, fünfsätzigen und in jeder Hinsicht herausfordernden Fassung von Ligetis Violinkonzert.

Der vor 100 Jahren geborene, 2006 gestorbene Ligeti schrieb das Konzert für Saschko Gawriloff, der 1990 die erste und 1992 die zweite Fassung uraufführte. Isabelle Faust kennt keine spieltechnischen Probleme: In den virtuosen, raschen Ecksätzen meisterte sie Läufe, Sprünge, Doppelgriffe, Flageolett, Glissandi und die aberwitzige Kadenz mit Bravour. Mit höchster Intensität widmete sie sich auch den langsamen Binnensätzen, ließ die Geige introvertiert wie ein samtiger Mezzo singen, riss aber auch effektvolle Pizzikati oder begab sich ins Flirren des abrupt endenden, knappen Intermezzos.

Das Münchener Kammerorchester, mit großer Schlagzeug-Batterie aufgerüstet, war unter Enrico Onofris Leitung ein adäquater Partner. Und für die „schmutzigen Klänge“ zuständig: Mit jeweils einer von der üblichen Stimmung abweichenden Geige und Bratsche, mit naturtönigen Posaunen, Okarinos und Lotusflöte. Dass Ligetis Wahnsinnswerk in die Reihe der großen Violinkonzerte gehört, wurde deutlich und mit Jubel quittiert. Für Isabelle Fausts kleine Bartók-Zugabe schnappte sich auch Onofri eine Geige.

Der aus der historischen Aufführungspraxis kommende, gelernte Geiger ist ein Ganzkörper-Dirigent, der in Mozarts Es-Dur-Symphonie KV 543 kleine Sprengsätze zündete – bei Sammartinis eröffnender Sinfonia in A hatte er das Ensemble schon darauf eingestimmt. Bei Mozart hatte alles seinen Platz: Dissonanzen, Modulationen, Pausen, feine Phrasen, Turbulenzen. Angesteckt von Onofris überbordendem Temperament stürzten sich Musikerinnen und Musiker ins Mozart-Abenteuer.

Artikel 4 von 10