Sehnsucht nach Theaterzauber

von Redaktion

Die Spielzeit 2023/24 am Münchner Gärtnerplatz bringt acht Premieren

VON MARKUS THIEL

Operette, Musical, Spieloper – schon von seiner DNA her liegt das Gärtnerplatztheater im Trend. Post-Corona plus Weltkrise sorgen offenbar für ein anderes Publikumsverhalten: „Das vordergründig Heitere hat mehr Zulauf“, sagt Intendant Josef E. Köpplinger. Es gebe eine Sehnsucht nach Theaterzauber. „Die Gesellschaft braucht mehr Entertainment.“ Dies bedeute jedoch nicht, so der Chef bei der Präsentation der neuen Spielzeit, dass man nun das Repertoire wegsteuere von den großen, tragischen Opern. Diese Saison-Planung, die keine dieser Stücke als Premiere vorsieht, habe sich einfach so ergeben. Manchmal seien Pandemie-Umplanungen schuld, manchmal andere, juristische Dinge.

Für „Les Misérables“ zum Beispiel konnten für ein Kalenderjahr die Aufführungsrechte erworben werden. Als Koproduktion mit dem Theater St. Gallen wird der Musical-Reißer gestemmt. Köpplinger inszeniert selbst, in München wurden stolze 22 Abende angesetzt. Es ist die zwölfte Spielzeit des Intendanten, der dieses Mal acht Premieren (siehe Kasten) und insgesamt 27 Stücke in rund 300 Aufführungen serviert. Derzeit liegt das Gärtnerplatztheater nach Köpplingers Angaben bei einer Auslastung von 88 Prozent, wobei es interessante Differenzierungen gibt: An der Spitze rangiert die Operette (91 Prozent), gefolgt von Musical (90), Tanz (87) und Oper (84). Die Corona-Delle scheint überstanden, bei den Abonnements konnte man sogar eine Steigerung um fünf Prozent verbuchen.

Ähnlich wie bei „Les Misérables“ konnte man die Rechte für die Filmmusik von Disneys „Dschungelbuch“ erwerben. Geplant ist laut Köpplinger „ein gut einstündiger Spaß für die ganze Familie“. Eine Uraufführung ist auch wieder unter den Neuproduktionen. Für „Oh! Oh! Amelio!“ hat sich das Erfolgsduo Thomas Pigor und Konrad Koselleck („Drei Männer im Schnee“) wieder zusammengetan. Dieses Mal widmen sie sich der Vertonung einer Farce von Georges Feydeau, die auf der Studiobühne herauskommt. Ansonsten gibt es klassische Titel bis zur unverwüstlichen „Zauberflöte“, Köpplinger dürfte hier seine Dresdner Regie aus dem Jahre 2020 aufmöbeln.

Ein neues Gesicht gibt es im Graben. Der gebürtige Argentinier und Wahl-Wiener Rubén Dubrovsky wird Chefdirigent und Nachfolger von Anthony Bramall. Er übernimmt zwei Premieren und wird als Barock-Experte dreimal Händels Oratorium „Il trionfo del tempo e del disinganno“ aufführen. In den Konzerten möchte er unter anderem erforschen, was die traditionelle Volksmusik vom Alpenländischen übers Ungarische bis zum Flamenco gemeinsam hat. Und für die künftigen Spielzeiten kündigte er an, dass der Barock „sehr bedeutsam“ sein werde.

Eine Sache wollte Köpplinger noch versprechen: Trigger-Warnungen, also Warnungen vor Inhalten, die negative Gefühle auslösen könnten, werde es mit ihm nicht geben. Andere Häuser wie Dortmund bringen solche Hinweise auf ihren Webseiten. Die Kunst sei nicht mehr frei, „wenn ich anfange zu fragen, ob es zumutbar ist“, sagte der Intendant. Theater müsse manchmal wehtun dürfen. „Ich kann nicht entscheiden, was Sie verletzt.“

Köpplinger bewegt sich damit auf vermintem Feld. Bekanntlich hatte er nach Protesten bis zur Schmähkritik vor einigen Monaten Kreneks „Jonny spielt auf“ abgesetzt. Im Mittelpunkt steht hier ein schwarzer Jazz-Virtuose. Die Inszenierung versuchte, dem Problem des Blackfacings zu entgehen, indem sie an die heftig bekämpfte Erstaufführung am Gärtnerplatz im Jahre 1928 erinnerte. Dabei schminkte sich der „historische“ Jonny-Sänger auf der Bühne schwarz. Nach einer konzertierten Protest-Aktion bis hin zu Drohungen zog Köpplinger die Notbremse.

„Ich hätte es nicht gleich absetzen müssen“, räumt er nun erstmals ein. Dies sei ein Fehler gewesen. Doch habe er auch sein Ensemble schützen müssen, Jonny-Darsteller Ludwig Mittelhammer etwa habe Angst vor den Reaktionen gehabt. „Diese Aufführung war definitiv kein rassistischer Akt“, betont Köpplinger. Er habe nun aber erlebt, zu was eine Gesellschaft imstande sei.

Informationen

zur Spielzeit unter

gaertnerplatztheater.de.

Artikel 2 von 6