Am Anfang herrscht Ratlosigkeit in der Isarphilharmonie: Bei Beethovens Klaviersonate op. 109 wirkt Hélène Grimaud seltsam unbeteiligt und unsicher. Fast könnte man meinen, hier wäre gar nicht sie selbst am Werk, sondern eine weniger talentierte Zwillingsschwester – sie bügelt krasse dynamische Kontraste unnötig glatt und verwischt ganze Passagen mit übermäßigem Pedalgebrauch; über weite Strecken buchstabiert sie bloß brav und bedächtig Beethovens Noten, ohne dass eine Interpretation dieses vielschichtigen Werks erkennbar wäre. Eine Konzertbesucherin in der zwölften Parkettreihe ist über das dargebotene Niveau so entsetzt, dass sie der 53-jährigen Französin nahelegt, sich in Zukunft ganz der Wolfszucht zu widmen.
Dieses vorschnelle Urteil dürfte sie allerdings schon bald revidiert haben, denn mit Brahms’ Capriccios und Intermezzi op. 116 und 117 präsentiert sich Grimaud plötzlich wie verwandelt. Nun scheint sie geradezu in der Musik aufzugehen – zumindest suggerieren das ihre vorwiegend geschlossenen Augen. Ihre feinsinnige, filigrane Brahms-Deutung meidet alles Schwere, Tragische und Trübsinnige, sucht vielmehr das Leichte, Lichte und Schlichte. Schade, dass sie dabei manche Passagen arg gleichförmig dahinplätschern lässt, anstatt die im Notentext stehenden Sforzati zu beachten – und dass sie im von Seufzern durchzogenen e-Moll-Intermezzo während der elektrisierenden Achtel-Generalpausen den Fuß nicht vom rechten Pedal nimmt, wie es der gesunde Menschenverstand nahelegt und Brahms sogar explizit fordert. Aber das ist Mäkelei. Insgesamt gelingt es ihr, die musikalischen Miniaturen zu anrührenden kleinen Geschichten zu formen.
An deren Ende lauert die interessanteste Überraschung des Abends: Das letzte Brahms-Stück, ein Capriccio in d-Moll, geht nahtlos über in Busonis brillante Bearbeitung von Bachs berühmter, ebenfalls in d-Moll notierter Geigen-Chaconne. Wenn man ausblendet, was Klangmagier wie Hamelin oder Michelangeli aus Busonis Nachschöpfung gezaubert haben, lässt sich konstatieren: Hélène Grimaud glückt eine sehr schöne, offenbar tief empfundene und ebenso ergreifende Aufführung. Dass sie schließlich als zweite und letzte Zugabe ganz bewusst ein Werk des mittlerweile im Exil in Berlin lebenden ukrainischen Komponisten Valentin Silvestrov wählt (nämlich dessen Bagatelle op. 1 Nr. 2), wirkt angesichts des aktuellen Kriegsgeschehens wie ein angenehm sympathisches, subtiles Signal der Solidarität.