Vor ein paar hundert Jahren war es wohl so, dass die Theateraufführungen in den barocken Bühnenpalästen vor allem pyrotechnische wie auch maschinentechnische Wunderwerke waren, die alles andere in den Schatten stellten. Und so ist es dank modernster Erfindungen und Möglichkeiten vielfach auch heute noch. Was aber bleibt, wenn die Technik versagt?
Das war jetzt beim aktuellen Gastspiel der Münchner Kammerspiele anlässlich des Theatertreffens im Haus der Berliner Festspiele ein Thema. Die eingeladene Inszenierung von Ibsens Emanzipationsdrama „Nora“ aus dem Jahr 1879, inszeniert von Felicitas Brucker, erweitert durch Hinzufügung von ins 21. Jahrhundert führenden Neu-Texten, konnte in Berlin wegen bühnentechnischer Probleme nicht pünktlich beginnen.
In der Stunde des Wartens fragt man sich dann schon: Muss das sein? Und: Was bedeutet dieses ungewisse Ausharren für die Schauspieler? Als die Vorstellung endlich losgeht, weil die Hydraulik wieder funktioniert und man die bühnenbildbestimmende Hauswand für die fassadenkletternden Darstellerinnen und Darsteller wahrnimmt, als am Ende diese symbolische Konstruktion von der jetzt intakten Hydraulik hochgefahren wird, zweifelt man, ob der Hang zum technisch Spektakulären wirklich notwendig ist für die aktualisierte Erzählung von Noras Geschichte. Ob es nicht richtiger gewesen wäre, anstatt ihrer staunenswerten Turnkünste an der Außenwand des Hauses das Augenmerk mehr auf die darstellerischen Fähigkeiten der außerordentlichen Protagonistin Katharina Bach zu lenken, auf die Spiegelung der inneren Widersprüche, Gefühlsnotstände und die dialektische Entscheidungsgewalt Noras.
Die Begeisterung des Berliner Publikums war groß. Die Frage bleibt, ob sie mehr der furiosen Technik galt, wie vor 300 Jahren, oder der Kunst der Schauspielerinnen und Schauspieler, quasi aus dem Nichts einen Charakter entstehen zu lassen. Edmund Telgenkämper als Noras Mann Helmer sei hier in seiner lässigen Art neben der großartigen Katharina Bach hervorgehoben. Von dem Ensemble mit Extrabeifall bedacht wurde Bernardo Arias Porras. Er hatte dankenswerterweise kurzfristig die Rolle des Krogstad vom erkrankten Thomas Schmauser übernommen.
Was Inszenierungen wie diesen anhaftet, die die einst so progressiven und auch perfekten Stücke der Alten in die Moderne führen wollen, ist der Verlust des Gleichgewichts von Inhalt und Form. Von der Bühne herab wird gepredigt, belehrt, Meinung gemacht, was auch bei der Münchner „Nora“ reichlich passiert, vor allem in einem so großen wie unnötigen Monolog Svetlana Belesovas als Frau Linde.
Genau betrachtet, bleibt ja die Inszenierung Felicitas Bruckers sehr nah an Ibsen. Moderne Neuformulierungen verbieten sich hier nicht, denn der norwegische Nationaldichter hat keine Sprachkunstwerke geschaffen, sondern sehr gut gemachte Dramen. Heutige Hinzuschreibungen bleiben verzichtbare Einsprengsel. Dennoch wird diese „Nora“ zu Recht als ein Theaterspektakel der besonderen Art gefeiert, das nach dem politisch korrekten, theatralisch aber äußerst unbedarften Bochumer Gastspiel „Der Bus nach Dachau“ herausragt.
Das Berliner Theatertreffen
geht noch bis zum 29. Mai; berlinerfestspiele.de.