„Im Circus Krone habe ich mich blamiert“

von Redaktion

Rock-Ikone Graham Nash über sein neues Album „Now“ und sein Konzert in München

Zehn Minuten noch bis zum Soundcheck. Graham Nash tritt an diesem Abend in Buffalo, New York, auf. Aber der 81-Jährige hat noch Zeit für ein Telefonat über sein neues Album „Now“ – sein persönlichstes, wie er sagt. Gerade ist er auf ausverkaufter Amerika-Tour. Am 6. September spielt der Mann, der schon in den Sechzigern mit den Hollies und später als Teil von Crosby, Stills & Nash Rockgeschichte schrieb, im Circus Krone. „Ich arbeite wirklich hart dieses Jahr“, sagt er, bevor er erzählt, was die neuen Songs inspirierte – und wie er in München einmal schlecht beraten wurde.

Herr Nash, Sie sind seit über 50 Jahren Amerikaner – aber als gebürtiger Engländer: Haben Sie die Krönung von King Charles neulich verfolgt?

Na klar! Ich habe fünf Stunden vor dem Fernseher gesessen. Es gibt ja viele Leute, die glauben, die Monarchie sei ein überkommenes Konzept, das keinen Platz hat in der heutigen Welt. Aber: Als ich Queen Elizabeth Aug in Aug gegenübergestanden bin und mit ihr gesprochen habe . . .

Als sie Sie 2010 zum Offizier des britischen Ritterordens ernannte?

Genau. Da wurde mir plötzlich bewusst, dass ich eine Frau erblicke, die die DNA von tausend Jahren englischer Königinnen und Königen in sich trägt. Und das ist schon ziemlich aufregend.

Sie sind eine Ikone der Hippie-Gegenkultur. Was hat Ihnen diese Auszeichnung bedeutet?

Sehr viel. Ich dachte an meine Mutter und meinen Vater, die mich 1942 in Blackpool zur Welt gebracht haben, und daran, wie stolz sie gewesen wären auf ihren Buben.

Viele Musiker eines gewissen Alters tendieren zur Nostalgie. Sie aber haben Ihr neues Album „Now“ genannt. Ein Statement?

In der Tat. Ich wollte beweisen, dass man auch mit 81 Jahren noch rocken kann.

Das tun Sie allerdings auf diesem Album. Aber habe ich richtig gezählt, dass da insgesamt fünf Liebeslieder drauf sind?

Und alle für meine Frau Amy Grantham. Sie ist eine brillante Künstlerin und eine brillante Frau. Ich eröffne es mit dem Satz: „Ich hätte nie gedacht, dass ich in meinem Leben noch einmal lieben würde.“ Und deswegen ist es sicher auch mein persönlichstes Album.

Viele kennen Sie vor allem als soften Singer-Songwriter. Aber in „Stars and Stripes forever“ gehen Sie mit der „Make America great again“-Mentalität hart ins Gericht.

Amerika ist großartig, Aber es hat seine Probleme, die ich als Immigrant vielleicht noch ein bisschen klarer sehe. Als Künstler müssen wir die Zeiten widerspiegeln, in denen wir leben. Müssen über Politik reden, den Aufstieg der extremen Rechten und Autokraten. Über den Klimawandel.

Derzeit diskutiert Amerika über Präsident Bidens Alter. Er ist ungefähr so alt wie Sie, also: Trauen Sie ihm eine zweite Runde zu?

Ich glaube, der Mann hat ein gutes Herz – und einen wachen Geist. Ich sehe sonst niemanden, der so populär wäre.

Ein bisschen nostalgisch wird’s auf „Now“ dann aber doch: Sie haben einen Song zusammen mit Allan Clarke eingespielt, mit dem Sie bei den Hollies waren.

Wie Sie wissen, war Allan der Sänger der Hollies, die Stimme hinter „He ain’t heavy, he’s my Brother“ oder „The Air that I breathe“. Ich fühlte mich stets etwas schuldig, dass ich die Hollies verlassen hatte, um mit David und Stephen Crosby, Stills & Nash zu gründen. Allan war mein ältester Freund, ich kannte ihn schon als Sechsjähriger. Jetzt fühle ich mich nicht mehr schuldig. (Lacht.)

Sie singen den Song „Buddy’s Back“ – eine Hommage an Buddy Holly.

Ich liebe den Song. Ich wollte die Leute wissen lassen, welch unbändige Liebe zu Buddy Holly wir Hollies hatten – verdammt, wir hatten uns nach ihm benannt.

Auch mit David Crosby hatten Sie eine lange kreative Partnerschaft – und fast ebenso lange lagen Sie sich in den Haaren. Haben Sie sich mit ihm versöhnt, bevor er starb?

Das habe ich. Wir standen in E-Mail-Kontakt, haben sogar einen Termin ausgemacht, an dem wir ein Videotelefonat führen wollten, um uns mal zu sehen. Ich rief an und wartete und wartete. Dann erfuhr ich, dass er gestorben war. Ich werde an ihn denken, jeden Tag für den Rest meines Lebens.

Hat sein Tod Sie und Ihre Kollegen Stephen Stills und Neil Young wieder zusammengebracht?

Wir haben gesprochen, ja. Aber werden wir je wieder Musik zusammen machen? Es hängt von den Songs ab. Ich bin Musiker – zeigen Sie mir einen wirklich schönen Song, und ich werde ihn singen wollen. Wir haben keine Pläne, aber man weiß nie.

Im September spielen Sie im Circus Krone – ist Ihnen auch nicht ganz unbekannt, oder?

Kenne ich natürlich. Ich haben da mit den Hollies gespielt und auch mit Crosby, Stills und Nash. Wir hatten einen Road-Manager, der Deutsch sprach. Also fragte ich ihn vor der Münchner Show: „Zeig mir doch einen deutschen Satz, den ich zu den Leuten sagen kann.“ Und wissen Sie, was er antwortete? „Sag: Setzt Euch auf mein Gesicht!“

Oha!

Und ich habe das auf der Bühne brav befolgt. Die Leute haben sich kaputtgelacht – und irgendwann hat man mir auch erklärt, dass ich mich blamiert hatte. Ja, wir hatten viel Spaß im Circus Krone.

Das Gespräch führte Johannes Löhr.

Karten

fürs Konzert am 6. September im Circus Krone unter dem Motto „60 Years of Songs and Stories“ bei Münchenticket.

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