Humor haben die in Haidhausen. Als erste Theaterpremiere im alten Gasteig steigt am 1. Juni in der Black Box „Mein Day your Tag“. Eine Weltuntergangskomödie, multimedial, die „Absurditäten unterschiedlicher Gesellschaftsformen“ reflektieren will. Das Kulturzentrum, seit Sommer 2021 zum Dornröschenschlaf zwecks Sanierung verdammt, öffnet also kurz die Augen. Wobei sich in den rund 150 Räumen seit einiger Zeit etwas tut. Verantwortlich ist das private Kollektiv „Fat Cat“, mit dem die Stadt bekanntlich einen Vertrag geschlossen hat. Für eine Zwischennutzung, wie es offiziell heißt. Für eine Feigenblatt-Lösung, wie andere auch aus Stadt-Kreisen meinen. Die Termine für die „Lange Nacht der Musik“ mussten kürzlich abgesagt werden – Säle und Flächen seien „nicht startbereit“ gewesen.
Erst rund ein Drittel der Verträge mit Zwischennutzern sind unterschrieben. Die Mieten liegen, auch sozialverträglich gestaffelt, zwischen zwölf und 30 Euro pro Quadratmeter. Und trotzdem: „Die Sache wird nicht so gelebt, wie man sich das vorgestellt hat“, sagt jemand aus vorderster Linie, der nicht genannt werden will. Durchschnittlich 20 Euro pro Quadratmeter seien für die freie Kulturszene „ganz schön happig“, sechs bis sieben Euro realistisch. Es gebe deshalb offenbar kaum Rückmeldung aus der freien Szene. Er halte die vorerst bis Ende 2023 vereinbarte Interimsnutzung „für tot“.
Seitdem im vergangenen Januar die Sanierung gestoppt wurde, leistet sich die Stadt einen teuren Stillstand. Obwohl nicht renoviert wird, müssen dieses Jahr 5,7 Millionen Euro in den Gasteig gepumpt werden. Für Heizung, Elektrik und all die kleinen Dinge, die sich sehr summieren. Für 2024 ist ein ähnlicher Betrag im Gespräch.
Es ist ein selbst verschuldeter Stillstand. Mit einer finanziellen Deckelung von 450 Millionen Euro vertraute man aufs Investorenmodell, also auf die Beauftragung eines privaten Unternehmers. Doch dafür fand sich nur ein einziger, nicht genehmer Bewerber. Während mancher verärgerter bis geschockter Gasteig-Mieter gerade noch vor dem Sprung von der Fensterbank bewahrt werden konnte und während es in der nationalen bis internationalen Kulturszene gewaltiges Kopfschütteln gab, blickt die Stadt mit erstaunlicher Geruhsamkeit auf den Herbst.
In einer Stadtratssitzung soll sich alles klären. Dass sich die Renovierung für die geplanten 450 Millionen nicht mehr durchführen lässt, ist allen klar. Von der Aufstockung des Betrags über eine Mini-Lösung, in der quasi nur die Kabel ausgetauscht werden, ist gerade wieder alles im Gespräch. Sogar die rabiateste Lösung: Man könne sich vom Klinker-Bunker ganz verabschieden. Nach jahrzehntelanger Debatte ist die Stadt wieder zurück auf Los. München droht eine unendliche Geschichte auf Augenhöhe mit der Elbphilharmonie.
Dabei wird die Debatte oft zu sehr verengt. Nicht nur um die Nutzer des Konzertsaales geht es – sondern um Zigtausende, die sich tagsüber aufmachten nach Haidhausen, um die Bibliotheksnutzer also. „Meine Botschaft an die Politik ist: Die Zentralbibliothek fehlt, wir brauchen sie aber dringend“, sagt Arne Ackermann, Direktor der Stadtbibliothek. Die ehemalige Gasteig-Zentrale wurde aufgeteilt auf die Standorte im Motorama an der Rosenheimer Straße und im Sendlinger HP 8. Das Problem: Die „normalen“ Nutzerinnen und Nutzer suchen nicht unbedingt gezielt nach einem Medium. Vielmehr handle es sich „um eine am Kaufhaus sozialisierte Kundschaft“, so Ackermann. Wer also nach einem aktuellen Roman fahndet, nimmt „nebenbei“ gern andere Medien mit – eine Klientel, die gerade wegbricht.
„Uns fehlen zurzeit rund 200 000 Medien im direkten Publikumsverkehr“, beklagt Ackermann. „Wir können bestimmten Bedürfnissen, die unseren Grundauftrag betreffen, ohne Zentralbibliothek nicht nachkommen.“ Und er schaut neidisch auf andere Städte: Die neue Bibliothek im kleineren Helsinki lockt mit 14 000 Quadratmetern Publikumsfläche, die neue in Berlin solle 25 000 bekommen. Zum Vergleich: Im alten Gasteig gab es 8000, im renovierten, mit seiner völlig neuen Bibliotheksstruktur inklusive offener, zum Verweilen einladender Räume sollen es nur gut 10 000 Quadratmeter werden.
Was bedeutet: Selbst wenn sich der Stadtrat im Herbst zur Generalsanierung durchringt, ist man im internationalen Vergleich längst nicht up to date. Vor dem Hintergrund des internationalen Standards heißt dies, dass die sogenannte „große Lösung“ kein Wünsch-dir-was-Traum ist, sondern München eher auf einen allgemeinen Standard bringt – das betrifft die Zentralbibliothek, aber eben auch die akustische, digitale, strukturelle Ausgestaltung des Konzertsaales.
Mit dem selbst verordneten Stillstand befindet sich die Stadt in prominenter Gesellschaft. Ähnliches passiert beim geplanten Konzerthaus des Freistaats im Werksviertel. Auch hier fließt Planungs- und Grundstücksgeld in ein Projekt, das (unrettbar?) auf Eis liegt – und das sich monatlich aufgrund der steigenden Baukosten verteuert. Auch hier will man mit Entscheidungen offenkundig bis Herbst warten, bis nach der Landtagswahl.
Wenn zu dieser Zeit der Stadtrat über den Gasteig berät, sind nach Einschätzungen vieler Beteiligter tatsächlich alle Optionen wieder offen. Die Generalsanierung, die nichts anderes ist als Fitmachen fürs 21. Jahrhundert, dürfte sich mittlerweile auf 800 Millionen belaufen. Die Minimallösung, die nur eine notdürftige Instandsetzung ist, wäre billiger zu haben. Und selbst wenn die Stadt sich einst fürs Investorenmodell entschieden hat, könnte die gesamte Projektierung in die Hände von Gasteig-Chef Max Wagner zurückwandern. Der verfügt längst über fertige Pläne. Insider halten das für möglich, obgleich dieses Vorgehen mehr als peinlich für die Stadt wäre – damit hätte man über zwei Jahre verloren. Und noch eine Variante gäbe es: die Ertüchtigung der Sendlinger Ausweichspielstätte für eine langfristige Lösung, während am alten Gasteig nur notwendige Reparaturen vorgenommen werden.
„Ich halte nach wie vor an dem Traum fest, dass es einen generalsanierten Gasteig gibt“, sagt Bibliotheks-Chef Ackermann. Der werde so viele neue Qualitäten fürs Publikum bringen, dass es sich lohne, weiter für diese Lösung zu kämpfen. Damit der Standort in den frühen Dreißigerjahren wieder vollumfänglich genutzt werden könne, müsse es sofort „gut und zügig“ laufen, hofft er. Die Alternativen mag er sich nicht ausmalen. „Ich glaube auch, dass sich München diese Schlappe nicht leisten möchte.“