Zwischen Schlachtfeld und Schlager

von Redaktion

PREMIERE Der spielerische, raunende Abend „Europa flieht nach Europa“ im Münchner Volkstheater

VON ULRIKE FRICK

„Ein dramatisches Gedicht in mehreren Tableaus“ nennt die österreichische Autorin Miru Miroslava Svolikova ihr Stück „Europa flieht nach Europa“. Mit nervigen Fragen zu Gattung oder Dramaturgie muss man sich also im Münchner Volkstheater an diesem Abend nicht belasten. Dafür verströmt allein der über weite Strecken wie eine geschliffene Komödie erscheinende Text passend viel spielerische Leichtigkeit. Trotz des mahnenden, mitunter fatalistisch raunenden Inhalts.

Svolikovas Drama ist ein knallbuntes Assoziationsmosaik zum Thema Europa damals und heute. Dabei bindet die Wiener Regisseurin Anna Marboe geistreich und originell zusammen, was einem heute zu dem Begriff Europa so einfällt, von unzähligen Kriegen bis zum European Song Contest. Los geht’s ganz klassisch bei den alten Griechen: Europa spielt mit ihren Schwestern am Strand, als eine Herde Stiere angaloppiert kommt und einer von ihnen sich die Königstochter schnappt. So weit, so vertraut. Doch dann erlegt Europa (Julian Gutmann) in einem Übergriff, der anfangs mit den fließenden, eleganten Bewegungen von Gutmann und Vincent Sauer (als Stier, später als „Das Leben“) einem Balletttanz ähnelt und zunehmend ungelenker und brutaler wird, den Stier.

Der Gründungsmythos des Kontinents ist nun zwar Mord, aber dennoch ein hoffnungsfroher, zugewandter Moment der weiblichen Selbstermächtigung. „Ich werde ein Land gründen, das nicht aufgebaut ist auf dem Recht des Stärkeren“: So zumindest erhofft sich das Europa. „Ich werde einen Kontinent erschaffen, wo Platz ist für jeden“, erklärt sie. „Es soll keine Toten geben. Und keine Armen und Kranken. Nur Liebe und Geborgenheit.“

Der erste von mehreren ESC-Sieger-Songs, die diesen Abend außerordentlich schmissig werden lassen, ist France Galls „Poupee de cire“ von 1965. Wobei in der Erwähnung der besungenen Wachspuppe, die man leicht manipulieren kann, wohl schon die erste Andeutung auf die zunehmende thematische Verdunklung liegt. Die folgt bekanntlich schnell. Die noble Freiheitsidee Europas wird durch die auftretenden drei „Kleinen Könige“ (Ruth Bohsung, Maral Keshavarz, Jonathan Müller), die leider außer ihrem Aussehen gar nichts mit den niedlichen Figuren der gleichnamigen TV-Kinderanimationsserie gemeinsam haben, in gedanken- und inhaltslosen Kinderspielen aufs Brutalste pervertiert. „Nicht aller Anfang ist Blut“ hatte Europa anfangs proklamiert. Der illustrierte Wandteppich, der das Treiben der Menschen veranschaulicht, zeigt anderes.

Julian Gutmann tritt fortan in einem gelben Spitzenkleidchen auf, dessen Brust mit dreifachem „Sorry Sorry Sorry“ bestickt ist und weist alle Schuld von sich: „Ich habe doch nur die Utopie verteilt!“ Bis auf Gutmann, dessen Europa mal Opferlamm, mal Täterin ist, wechselt das Ensemble zwischen den Schicksalsgöttinnen der Moiren, Putzfrauen, Bauern oder Priestern hin und her. Helene Payrhuber und Sophia Profanter, die für Bühne und Kostüme verantwortlich sind, konturieren mit viel Humor und sparsamen Mitteln die wichtigsten Stationen Europas zwischen Selbstentfremdung bis zum grellen „Karneval der Wirklichkeit“, in dem „aus bunt braun wird, wenn man es zusammendrückt“.

Dazwischen intoniert die muntere Truppe ESC-Gewinner von Abbas „Waterloo“ bis zu Nicoles „Ein bisschen Frieden“. Zwischen Dadaistik, Slapstick und philosophisch-christlich grundierten Reflexionen bewegt sich dieser intelligent komponierte Abend. Auch wenn die Zukunftsperspektiven selbst mit Regenbogen nicht allzu rosig geraten.

Weitere Vorstellungen

am 8., 11. und 12. Juni;

Telefon 089/523 46 55.

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