Deutschland unterm Regenbogen

von Redaktion

NEUERSCHEINUNG Benno Gammerl unternimmt in „Queer“ eine erstaunliche Zeitreise

VON KATRIN BASARAN

Es scheint, als wäre die Menschheit gerade bunt wie nie: Schwule und Lesben, Bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Personen – die Vielfalt der möglichen, gelebten Identitäten wirkt grenzenlos. Leben und lieben lassen? Von wegen! Der Mensch scheint das Etikettieren zu benötigen. Vielleicht um seine Welt zu ordnen, um sie in Kategorien einzuteilen.

Der deutsche Historiker Benno Gammerl forscht seit Längerem zur queeren Geschichte Deutschlands. Jetzt ist sein neues Buch „Queer: Eine deutsche Geschichte vom Kaiserreich bis heute“ erschienen. Eine Art Zeitreise mit manch erstaunlicher, erhellender, auch ernüchternder Einsicht. Wie etwa jene, dass Toleranz, Emanzipation und Normalisierung oft mit gleichzeitiger Stigmatisierung einhergehen. Dass die queere Gemeinschaft nicht zwangsläufig auch eine ist – auch hier wird gestritten, gelästert, abgelehnt, gehasst.

Den Anfang macht bei Gammerl das Kaiserreich 1871 bis 1918. Der Paragraf 175 wurde 1872 für das Reichsstrafgesetzbuch festgeschrieben. Für schwulen Sex drohten der Knast und die Aberkennung sämtlicher Bürgerrechte. Über 100 Jahre später, erst 1994, verschwand der Paragraf aus deutschen Gesetzbüchern. Gammerl, der als Professor Gender- und Sexualitätengeschichte am Europäischen Hochschulinstitut in Florenz lehrt, beschreibt anschaulich und belegt mit etlichen Beispielen, was dieser Paragraf bewirkte, aber auch, wie man ihn umging. Es war damals ein „alltägliches Durcheinander zwischen Mut, Angst und Vergnügen“, wie er schreibt.

Weiter ging’s in der Weimarer Republik mit ihren Goldenen Zwanzigern, diesem Kapitel vermeintlicher und gelebter Freiheiten – auch für Personen jenseits der Normen. Die Grenzen zwischen „männlich“ und „weiblich“ wurden fließend. Es gab sogar die Transvestiten-Zeitschrift „Das 3. Geschlecht“. Und es gab bereits in den 20er-Jahren erste geschlechtsanpassende Operationen. Die Nazis setzten dann jeglichem emanzipatorischen Treiben ein brutales Ende, Homosexuelle wurden in Konzentrationslagern ermordet. Erst weit nach Kriegsende wurde queeres Leben wieder sichtbar. Einen großartigen Beitrag zu Forschung und Verständnis hat Magnus Hirschfeld (1868-1935) geleistet, ein (heimlich) schwuler Mediziner, der die Menschen aufklären wollte, ihnen die sexuelle und geschlechtliche Vielfalt nahebringen wollte. Er entwickelte etwa die Theorie der sexuellen Zwischenstufen. Die Nazis hassten ihn dafür. 1982 gründete sich die Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, um sein Erbe fortzuführen und zu bewahren.

Die Historie queeren Lebens in Deutschland ist noch wenig erforscht – und deshalb umso wichtiger. Lebendige Geschichte, so schreibt Gammerl, solle uns daran erinnern, dass die Zukunft ungewiss ist und wir „uns gerade deswegen aber darum kümmern müssen“.

Benno Gammerl:

„Queer“. Hanser Verlag, München; 272 Seiten; 24 Euro. Buchvorstellung am morgigen Donnerstag im Münchner NS-Dokuzentrum, 19 Uhr, der Eintritt ist frei.

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