Peter Simonischek hatte alles, was man braucht, um als Schauspieler mühelos zu reüssieren: gut aussehend, groß, angenehme Stimme inklusive einem Hauch von österreichischem Timbre, charmant in der Ausstrahlung. Manches mag dem Künstler, der in der Nacht zum Dienstag nach schwerer Krankheit in Wien gestorben ist, deswegen in den Schoß gefallen sein. Er aber hat das Geschenkte in große Menschendarstellungs-Kunst verwandelt. Zunächst mit Anlaufschwierigkeiten…
Als Sohn eines Zahnarztes am 6. August 1946 in Graz geboren, sollte Simonischek Medizin studieren, hatte dazu allerdings nicht die mindeste Lust und probierte es mit Architektur. Der Herr Papa drängte zu Zahntechnik; eine Tatsache, die der Künstler im Alter genüsslich zu erzählen wusste. Der junge Peter, bereits vom Bühnenvirus infiziert, ging in seiner Heimatstadt einfach an die Akademie für Musik und darstellende Kunst. Nach Engagements in der Schweiz kam der Schauspieler in die Bundesrepublik Deutschland und da recht zügig an die legendäre Berliner Schaubühne unter Peter Stein. Von 1979 bis 1999 blieb er dort und wechselte danach an die Wiener Burg, deren Ehrenmitglied er war.
Der mit Preisen aller Art Überschüttete hinterlässt nun seine Frau, die Schauspielerin Brigitte Karner, und drei Söhne; der bekannteste ist der Schauspieler Max Simonischek aus der ersten Ehe mit Charlotte Schwab. Wie das Burgtheater mitteilte, sei Peter Simonischek zu Hause im Kreise seiner Familie gestorben.
Ähnlich wie bei Marcello Mastroianni haben bei Simonischek viele wegen der ansprechenden Oberfläche das dahinter liegende immense, vielseitige schauspielerische Können übersehen. Aber auch weil er sich eben nicht zum Großschauspieler, zur Bühnenlegende stilisiert hat, die allen die Schweißperlen bei der Theaterarbeit vorführt, die Seelenqualen und Gefühlswallungen. Der gebürtige Grazer betrieb seine Profession unaufdringlich, mit vollendeter Selbstverständlichkeit, ja mit einer chevaleresken Leichtigkeit und einer männlichen Erotik, die Testosteron-Gedampfe nie nötig hat.
Auf diese großzügige Art diente Peter Simonischek dem Publikum, den Autoren, Regisseurinnen und den jeweiligen Ensembles. Naturgemäß war es für keinen Kollegen leicht, neben ihm zu bestehen; eine Rampensau, die andere von der Bühne fegen will, war Simonischek freilich nie.
Zuletzt zu erleben war der Schauspieler in Lars Kraumes Spielfilm „Der vermessene Mensch“. Die meisten von uns werden sich zuallererst jedoch an Toni Erdmann in dem gleichnamigen Film von Maren Ade erinnern, der 2016 sogar im Ausland begeisterte. Simonischek gestaltete hinreißend die Figur eines Vaters, der seine erwachsene Karrieretochter wieder erreichen und gewissermaßen zum Leben erwecken möchte. Dass in Gaudi und Blödsinn die wahre Liebe stecken kann, vermochte uns nur ein Peter Simonischek zu beweisen.
Sehr viel mehr verlangte er sich ab, als er bei den Salzburger Festspielen von 2002 bis 2009 die wichtigste und populärste Rolle dieser Institution formte. Mit Christian Stückl als Regisseur an seiner Seite bot Simonischek Jahr für Jahr weder glatte Routine noch biederes Handwerk. Er entwickelte den egoistischen Bonvivant Jedermann feiner nuancierend zu einem Menschen in schreiender Not und von sich selbst überraschter Gläubigkeit. Spürte man in dem Schauspieler anfangs noch eine ironische Distanz zu Hofmannsthals Stück, ließ sich Simonischek nach und nach immer mehr darauf ein und lotete die moralischen und religiösen Schichten forschend aus – mit der ihm eigenen warmen Entspanntheit, die jeden Zuschauer mitzunehmen vermag.
Herausforderungen suchte Simonischek sein Künstlerleben lang; sogar im Fernsehen fand er sie (obwohl er auch Unterhaltung nicht verschmähte). 1997, lange, bevor zahlreiche Demente mehr oder weniger harmlos den Bildschirm und die Kinoleinwand bevölkerten, zeigte er in Berthold Mittermayrs „Reise in die Dunkelheit“ so präzise wie verletzlich, was Alzheimer bedeutet.
Natürlich stellten sich die imposantesten Herausforderungen auf der Bühne im Zusammentreffen mit den Werken der besten Autoren. Unvergesslich zum Beispiel Simonischeks Jupiter in Kleists „Amphitryon“, inszeniert von Klaus Michael Grüber für die Schaubühne Berlin (Premiere 1991). Der höchste Gott hat sich selbst gefangen: Von Alkmene (Jutta Lampe) will er nicht nur Sex, sondern auch Liebe – und argumentiert gegen ihre Treue zu Ehemann Amphitryon (Otto Sander) ausgerechnet in der Gestalt von Amphitryon an. Allerdings ist die Frau klug und dem Disput gewachsen.
Wie Simonischek die liebeswunde Hoheit spielte, die sich windet, die sophistisch trickst und doch stets abprallt, war einfach zum Niederknien. Tragikomik in Vollendung. Peter Simonischeks Tod bedeutet einen beängstigenden Verlust, gerade in einer Zeit, in der sogar am Theater, und zwar an vielen, Schauspielkunst vernachlässigt wird.