So vielversprechend der Auftakt des diesjährigen Theatertreffens in Berlin mit „Das Vermächtnis“ vom Münchner Residenztheater war (wir berichteten), so katastrophal ging es am Pfingstmontag zu Ende. Und zwar mit Shakespeares „Hamlet“ vom Anhaltinischen Theater Dessau. Ein von sich über die Maßen überzeugter Regisseur, Philipp Preuss, verwandelte das Stück, für das er zwei Hamlets erfand, in eine inhaltsleere Dauer-Schleife. Bei diesem bekloppten, pseudointellektuellen Spiel ist fürs Schauspiel-Ensemble kein Blumentopf zu gewinnen und fürs Publikum kein Vertrauen ins Theater. Shakespeare aber wird’s überleben.
Es scheint, als habe die Jury mit ihrer Auswahl an Gastspielen eine Übersicht über die Bandbreite der möglichen Theaterstile geben sollen oder wollen. So fanden sich Gutes und Belangloses nah beieinander. Neben Philipp Stölzls Inszenierung „Das Vermächtnis“ vom Münchner Residenztheater gebührt die Krone dieses Treffens dem Theater Basel. Im alten Berliner Hebbel-Theater zeigten die Schweizer in der Regie von Antú Romero Nunes ebenfalls Shakespeare, den „Sommernachtstraum“. In ihrer verblüffenden, raffinierten Einfachheit schillert die Inszenierung derart vielfältig und tiefgründig, dass sie zum hinreißenden Vergnügen wird und uns gleichermaßen bewusst macht: Das Theaterglück liegt in der Bescheidenheit.
Regisseur Nunes setzt sich gar nicht erst der Versuchung aus, mit hochtechnischen Finessen zu protzen, wie wir es zuvor mit Münchens „Nora“ erleben mussten. Er belässt die Bühne weitgehend als leeren Raum. Vielleicht die Aula einer Schule. Ein smarter Mann (Michael Klammer), möglicherweise der Schulleiter Fabio, aber nein, er ist bereits auch Theseus und Oberon, begrüßt uns, führt uns ein in das Anliegen des Lehrerkollegiums, nämlich „Ein Sommernachtstraum“ aufzuführen. Da sind wir schon mitten im Stück. Man streitet sich, wer welche Rolle beziehungsweise Rollen bekommen soll. Irgendwann ist es egal, ob ein Mann eine Frau spielt oder umgekehrt. Und es ist unerheblich, wie von der Lehrerschaft improvisierte Dekorationsteile, Kostüme und Requisiten rasch herbeigeschafft werden; wie ihre Rollen private Reibereien hervorrufen und wie sie dennoch der Wahrhaftigkeit ihrer Figuren und der Poesie des Shakespeare-Universums anheimfallen. Schauspieler spielen Laien, die Lehrer sind, die den „Sommernachtstraum“ aufführen; nie auftrumpfend, bei aller Leichtigkeit das Publikum an den Ursprung des Theaters führend – das ist in seinem wunderbaren Gelingen große Kunst.
Zurückführung in das Theater von einst, sagen wir, zum ehemals so fortschrittlichen Naturalismus der Meininger Ende des 19. Jahrhunderts, das leistet auf positive und vielleicht gar nicht so „altmodische“ Weise Regisseurin Mateja Koleznik mit ihrer Bochumer Inszenierung von Maxim Gorkis „Kinder der Sonne“. Einem ihrer Darsteller, Dominik Dos-Reis (Tscherpurnoi) wurde denn auch vom diesjährigen Juror Edgar Selge der Alfred-Kerr-Preis zugesprochen.
Dazwischen viel Mittelmaß. Das Burgtheater Wien wartete mit Maria Lazars „Die Eingeborenen von Maria Blut“ auf, einer fiktiven Dorf- und Heiligengeschichte im präfaschistischen Österreich. Formverspielt, mit übergroßen Pappköpfen für die Darsteller und mit jeweils wechselnden Synchronsprechern an den Randseiten der Bühne in der Regie von Lucia Bihler. Hätte nicht sein müssen. Dazu ein zweiter Burg-Auftritt, diesmal mit Peter Handkes Text „Zwiegespräch“ für zwei Personen über Großväter und ihre Erinnerungen. Regisseurin Rieke Süßkow machte daraus ein Multigespräch im Altersheim. Ein bisschen langweilig. Doch Gott sei Dank ist auf die Bühnen-Granden Martin Schwab und Branko Samarovski Verlass. Ein Genuss, sie zu sehen, ein Gewinn, sie zu hören.
Und einmal mehr wird einem klar, dass heute das Theater kaum noch ein Interesse hat an der schauspielerischen Leistung und Größe, sondern sich die mehrheitlich mittelmäßigen Regisseure und Regisseurinnen selbst als Hauptdarsteller oder -darstellerin begreifen. Welch ein Irrtum. Als 2020 Johan Simons mit seinem „Hamlet“ aus Bochum eingeladen war, das Theatertreffen zu eröffnen (die Aufführung war dann aber wegen Corona nur als TV-Aufzeichnung zu sehen), stand Sandra Hüller in der Titelrolle auf der Bühne. Welch ein Ereignis! Davon sind wir gegenwärtig weit entfernt. Den Verantwortlichen des Theatertreffens fehlen die Maßstäbe. Das wird sich ändern müssen.