Affenstark

von Redaktion

Hanno Sauer hinterfragt im Buch „Moral“, wie Gut und Böse entstanden

VON KATJA KRAFT

Was ist eigentlich los mit uns? Woher kommt er, dieser aggressive, unversöhnliche Grundton in politischen Debatten, dieses radikale Bestehen auf Haltung, auf ständige Positionierung für oder gegen eine Sache. Nur noch Schrillheit – wo sind sie hin, die sanften Zwischentöne?

Eine überraschende Antwort liefert Hanno Sauer in seinem lesenswerten Buch „Moral. Die Erfindung von Gut und Böse“. Heute Abend könnte er als einer von acht Nominierten dafür mit dem Deutschen Sachbuchpreis ausgezeichnet werden. Das wünscht man dem 1983 geborenen Autor auch deshalb, weil eine solche Auszeichnung ja immer dafür sorgt, dass noch mehr Menschen das Buch lesen. Würde unserer Gesellschaft guttun. Denn die Lektüre macht nicht nur schlauer – sondern auch gelassener in Bezug auf überhitzte Diskussionen um Gendern oder Energiewende.

Um eine seiner wichtigsten Thesen gleich vorwegzunehmen: „Unsere politischen Meinungsverschiedenheiten sind meist nur sehr oberflächlich, und unter dieser Oberfläche gibt es tief liegende, universelle moralische Werte, die alle Menschen miteinander teilen und die die Grundlage einer neuen Verständigung sein könnten.“ Tatsächlich ist es geradezu rührend, wenn man die von Sauer angeführten Studienbeispiele liest, in denen Menschen durch manipulative Tricks sehr leicht dazu zu bewegen waren, für eine politische Ansicht zu argumentieren, die sie eigentlich gar nicht teilten.

Mitunter reicht es schon, die Vorzeichen zu verändern: Wird das politische Argument von dem Abgeordneten vorgetragen, dessen Partei man wählt, stimmt man zu. Tut es einer der anderen Partei, ist man dagegen. Der Grund für diese irrationale Flatterhaftigkeit liegt in unserer Geschichte. Wir nackten Mängelwesen haben im Laufe der Jahrtausende gelernt, dass wir einzig durch Kooperation mit anderen überlebensfähig sind. Ein wichtiger Klebstoff, der die Gruppen, in denen wir uns organisieren, zusammenhält, sind Werte und Normen. Das gilt von prähistorischen Kleingruppen bis zu modernen Großzivilisationen. Wir wählen Parteien heute also weniger wegen ihrer Lösungsvorschläge für Probleme, sondern aufgrund von geteilten Gruppenidentitäten.

Fasziniert begleitet man Sauer, der als Associate Professor of Philosophy Ethik an der Universität Utrecht lehrt, zurück zu den Ursprüngen der Menschheitsgeschichte. Eine unvorstellbare Zeit von fünf Millionen Jahren durchreist er mit uns im Schnelldurchlauf. Denn um zu verstehen, wie wir unsere gegenwärtige Krise der Entzweiung lösen können, lohnt es sich, weit zurückzuschauen. Dahin, wo menschliche Kooperation begann.

Mit heißen Ohren folgt man seinen Ausführungen darüber, wie Werte, Normen und Praktiken sich in aller Welt wandelten. Welche Rolle Religion, Umwelteinflüsse, Globalisierung spielten. Unterfüttert ist dieser Trip durch die Jahrtausende mit Theorien und Studien aus Psychologie, Biologie, Philosophie, Ethik; und garniert mit spannenden Fakten: Warum sind unsere Augäpfel weiß? Wieso Menschen in Skandinavien eher blond und blauäugig?

Am Schluss dieser irren Reise steht unsere nicht weniger irre Gegenwart. An der wir das Versprechen von Freiheit und Gleichheit für alle noch immer nicht eingelöst haben. Ironischerweise sind es ausgerechnet die sozialen Institutionen, denen wir unseren Wohlstand verdanken, die gleichzeitig die Ungerechtigkeiten aufrechterhalten. „Je entwickelter moderne Gesellschaften sind, desto schwerer wird es, sie zu ändern, desto sperriger und steuerungsunwilliger werden sie. Soziale Ungerechtigkeiten sind schwerer politisch zu beheben“, erklärt Sauer. Und hier kommt die Sprache ins Spiel. „Aus verzweifelter Dringlichkeit verschob sich der Fokus zunehmend auf symbolisch-sprachliches Territorium, weil die ätherische Welt der Wörter und Bilder leichter und schneller zu verändern ist als das störrisch-immobile Reich der Traditionen und Institutionen.“ So sei unser moralisches Vokabular durcheinandergeraten – wir verheddern uns in unerbittlichen Debatten aus „Wir“ gegen „Die“.

Ausgewogen wirbt Sauer in Bezug etwa auf die Frage ums Gendern für mehr Sanftmut. Plädiert für Geduld beim gegenwärtigen Umbruch: „Hier schulden beide Seiten dem Rest der Gesellschaft ein Entgegenkommen: die Reformierer ein größeres Verständnis für die Vorläufigkeit, Verhandelbarkeit und (manchmal) Hässlichkeit ihrer eigenen Ideen; die Konservierer eine höhere Bereitschaft, den rechtschaffenen Kern in jenen Bemühungen zu sehen, anstatt zu schmollen und so zu tun, als habe man noch nie ein neues Wort gelernt.“

Moralische Normen unterliegen einer Entwicklung. Und dies ist die wohl wichtigste Erkenntnis bei der an Erkenntnissen reichen Lektüre: Wir müssen wieder und wieder die eigenen Moralvorstellungen überprüfen. Wer sich selbst klar macht, dass politische Überzeugungen manchmal nur von der Haarfarbe des Kanzlerkandidaten abhängen, kann gelassener auf die Meinungen anderer reagieren. Und – verrückte Idee! – die eigene auch mal kritisch hinterfragen. „Die moralischen Werte, die uns verbinden, gehen tiefer, als wir glauben, und die politischen Gräben, die uns trennen, sind weniger tief, als wir denken.“

Hanno Sauer:

„Moral. Die Erfindung von Gut und Böse“. Piper, München, 400 S.; 26 Euro.

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