Der große Horrorladen

von Redaktion

Regensburg zeigt Lorin Maazels Orwell-Oper „1984“ als deutsche Erstaufführung

Allein die Cookies, die sich auf unseren Rechnern einnisten. Oder die vielen anderen Spuren, die wir (nicht nur) im Netz hinterlassen. Das Geschäft des Großen Bruders, dies ist der Unterschied zu 1949, zum Erscheinungsjahr von George Orwells Roman „1984“, das besorgen wir inzwischen selbst. Inklusive digitaler Hass-Orgien plus Zuneigung zu Rechtsextremem bis Totalitärem – man denke nur an die Stimmabgaben in den USA, in der Türkei oder an den jüngsten AfD-Deutschlandtrend. Inaktuell wird der Klassiker also nie, und erstaunlicherweise hält die Veroperung gut mit.

2005 brachte Lorin Maazel, Star-Dirigent mit Komponier-Neigung, „1984“ am Royal Opera House in London heraus. Eigentlich war alles fürs Münchner Prinzregententheater gedacht, doch der Initiator August Everding starb vor der Realisierung. Dass sich Maazel nicht als Revolutionär gab, stieß bei der Uraufführung auf Häme der Avantgarde-Jünger. Es folgten nur zwei weitere Produktionen in Mailand (2008) und Valencia (2011). Der Zweieinhalbstünder ist jedoch gut gealtert, das führt die deutschsprachige Erstaufführung am Theater Regensburg vor Augen und Ohren.

Ein Kraftakt fürs jüngste Staatstheater Bayerns, das sich von Norbert Biermann eine eingedampfte Orchesterversion schreiben ließ – dies mit Billigung von Maazels Witwe Dietlinde Turban, die zur Premiere angereist war. Die Regie besorgte Intendant Sebastian Ritschel selbst. Seine aktuelle Saison trägt das Motto „Wahrheiten“. Bislang gab es dazu unter anderem Gottfried von Einems Kafka-Oper „Der Prozess“, Udo Zimmermanns „Weiße Rose“ und die Familienoper „Pinocchios Abenteuer“. Regensburg traut sich was, „1984“ ist der weit ausstrahlende Spielzeit-Höhepunkt.

Maazels Well-made-Horror ist eine Mixtur aus Musical-Fratzen, Oratorischem, zynischem Gassenhauer, Ostinato-Sog und hemmungslos Tonalem in den Liebesduetten. In den Hass-Chören knüpft Maazel an die Pogrom-Stimmung von Puccinis „Turandot“ an. Alles verrät versiertes Instrumentierungs-Handwerk und Kreativität in der Zutaten-Auswahl. Dass diese Partitur gefallen und überwältigen will, muss kein Malus sein. Eher, dass manches über die Illustration nicht hinauskommt. Oder à la „Hört, was ich kann“ Pose ist. Maazel ist da in bester Gesellschaft, Richard Strauss bestritt mit dieser Haltung seine gesamte Karriere.

Die kleinere Regensburger Fassung kommt vielleicht Maazels Absicht sogar zugute. Anders als in London, wo das Haus mit streichersatter Üppigkeit geflutet wurde, wirkt die Partitur hier skelettierter, angriffslustiger. Auch weil Dirigent Tom Woods mit dem fabelhaft spielenden Philharmonischen Orchester Regensburg lediglich dort dimmt, wo es wirklich nötig ist: „1984“ ist im Theater am Bismarckplatz nicht nur eine Angelegenheit fürs Hirn, sondern auch für den Bauch.

Sebastian Ritschel entgeht der Gefahr der Verdoppelung. Die Regie ist eher stilisiert. Man sieht behutsam entwickelte Psychogramme der Protagonisten, auf die Handlung und Musik einstürzen und die einer anonymen Masse gegenüberstehen. Ohnehin bietet Maazels Werk keine vollständig durchgeformten Charaktere. Hier treffen eher Tragödien-Prototypen aufeinander – was die Oper dann doch deutlich hinter den Roman zurückfallen lässt.

Bei der flexiblen Metallgitter-Bühne von Kristopher Kempf denkt man an ein Gefängnis, aber auch an gefährliche Durchlässigkeit: Keiner bleibt hier unbeobachtet. Die Verlautbarungen des Großen Bruders sind Schwarz-Weiß-Videos (Sven Stratmann) in Wochenschau-Optik. Dass man der attraktiven Stimme aus dem Off, alles im positiven Neusprech und auf Englisch, gern lauscht, bringt eine zusätzliche, gruselige Ebene.

Der Film-Einsatz bleibt klug dosiert. Die Folter-Szenen werden nur angedeutet (was einige Premierenbesucher trotzdem das Haus verlassen lässt). Überhaupt ist die Aufführung in der Wahl ihrer szenischen Mittel sehr balanciert. Ergebnis ist eine intelligente und sehr adäquate Realisierung des Stücks. Und dies auch noch in hervorragender Besetzung: Bariton Jan ݏadlo hat genügend Kraft und Gestaltungsfantasie für den Dissidenten Winston. Dass er sich nicht im Leidenston ergeht, sondern – trotz aller Emphase – die Riesenpartie gleichsam objektivierend abbildet, passt zum Werk und zur Regie-Ästhetik. Auch Sopranistin Theodora Varga ist als Julia keine klassisch Liebende. Das Herbe, Zupackende, Schroffe liegt ihr genauso eindrücklich in der Stimme. Ihr großer Monolog, ein dramatisches Lamento, wird zumindest zur vokalen Befreiung dieser Figur. Anthony Webb gibt den O’Brien, der beide entdeckt und dem System ausliefert, als ungerührten, dunklen, schlangengiftigen Orpheus.

Opernchor und Cantemus Chor werfen sich mit großem Einsatz ins Stück. Wie man überhaupt spürt, mit welcher Verve das Theater Regensburg sich „1984“ zur ureigenen Angelegenheit gemacht hat. Ein einhelliger Publikumserfolg. Und ein heißer Opern-Tipp. Wer weiß, wie lange der Dreiakter auf seine nächste Premiere warten muss. Die Neufassung hat jedenfalls bewiesen: Auch mittlere Häuser können eine Produktion riskieren.

Weitere Aufführungen

am 7., 10., 13., 20., 22. Juni sowie 7., 11., 15., 19. Juli;

Telefon 0941/507 24 24.

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