„Ich schaue nicht zurück“

von Redaktion

Anne-Sophie Mutter über ihren 60. Geburtstag, Nachwuchsarbeit und Corona

Es mag ungnädig sein, doch Anne-Sophie Mutter thematisiert ihren baldigen 60. Geburtstag schließlich selbst. Zuvor kommt sie in die Isarphilharmonie, außerdem läuft ein Dokumentarfilm über sie mit dem Titel „Vivace“ schon in den Kinos. Ein Gespräch über Nachwuchsförderung, falsche politische Entscheidungen und Applaus zwischen den Sätzen.

Es sind nur noch wenige Wochen bis zu Ihrem 60. Geburtstag am 29. Juni. Freuen Sie sich darauf oder haben Sie ein wenig Angst davor?

Ich freue mich auf jeden Geburtstag. Ich feiere gerne. Und es freut mich sehr, dass meine Kinder dabei sein werden. Es stimmt mich natürlich auch traurig, dass mein Mann, der Vater meiner Kinder, kurz nach seinem 60. Geburtstag verstarb. Umso bitterer, weil ich jetzt nämlich weiß, wie man sich mit 60 Jahren fühlt – nämlich sehr gut.

Mit welchen Gefühlen und Gedanken schauen Sie zurück?

Gar nicht. (Lacht.) Ich schaue grundsätzlich nicht zurück. Natürlich sind wir alle auch das Ergebnis unserer Vergangenheit und müssen darüber reflektieren, was wir an Gepäck herumtragen und wo es noch Änderungsbedarf gibt. Jeder Tag ist für mich eine Lernstunde im Umgang mit meinen Kindern, meinen Stipendiaten. Ich bin sehr glücklich darüber, dass ich mein Hobby zu meinem Beruf machen konnte.

Sie sind bereits mit 13 Jahren international bekannt geworden, weil sie mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan in Salzburg debütierten. Sie hatten zumindest von außen betrachtet seitdem nie eine musikalische Krise. Gab es nie Sprünge, Zweifel oder auch Rückschläge?

Alles davon. Es gab in meinem privaten Leben Situationen, die mich aufs Äußerste erschüttert haben. Und auch in meinem musikalischen Leben haben sich Herausforderungen ergeben, bei denen ich eigentlich sicher war, dass ich scheitern würde. Aber ich besitze eine unstillbare Neugier. Und bin auch der Meinung, dass Scheitern nichts Schlimmes ist. Rückschläge sind immer ein Teil des Weges. Meine Frustrationsgrenze ist extrem hoch. Aufgeben gibt es für mich nicht.

Sie kommen mit Ihren Virtuosi auch in die Isarphilharmonie. Das sind junge Musikerinnen und Musiker, die Sie im Rahmen Ihrer Stiftung fördern oder gefördert haben. Werden diese durch ein Probespiel ausgewählt?

Mir wird Material zugesandt – früher Videocassetten, dann DVDs, jetzt sind es Links zu Videos, wobei natürlich die Tonqualität häufig schlecht ist, sodass ich lieber mehr Kandidaten einlade, um sie live zu hören. Oft wird mir auch auf Tournee vorgespielt – besonders, wenn ich in Asien bin, wo ich Meisterklassen gebe. Für ein langes Leben auf der Bühne braucht es immer auch das Quäntchen Glück und auch einen Dirigenten, von dem man gefördert wird. In der Karajan-Generation gab es einige, die sich um den musikalischen Nachwuchs gekümmert haben. Heute sind die jungen Dirigentinnen und Dirigenten eher auf ihre eigene Karriere fokussiert.

Sigrid Faltin hat einen 90-minütigen Dokumentarfilm über Sie gedreht, der schon in den Kinos läuft und bald in der ARD gezeigt wird. Der Titel „Vivace“ suggeriert, dass es in Ihrem Leben schnell zugeht. Man erfährt auch, dass Sie nie müde sind – außer, als sie eine Corona-Infektion hatten. Woher nehmen Sie die Energie?

Das haben Sie etwas überspitzt dargestellt. Meinen Kindern fiel auf, dass ich müde bin – daraufhin habe ich am nächsten Tag eine Coronatest gemacht, der positiv war. Aber es stimmt: Ich habe viel Energie. Das war schon als Kind so. Und wenn ich einmal nicht schlafen kann, wird gearbeitet. Frau Faltin fiel diese Facette meiner Persönlichkeit auf – deshalb wählte sie „Vivace“ als Titel. Ich hätte eher „Presto“ genommen. (Lacht.) Aber auch ich bin mal müde, keine Sorge.

Der Tennisspieler Roger Federer, dessen Fan Sie sind, erzählt im Film, dass er sich bei einem Konzertbesuch in Luzern gewundert habe, dass zwischen den Konzertsätzen nicht geklatscht werde. Auch sei er von seinem Nachbarn gerügt worden, weil er Sie kurz mit dem Handy filmte. Sie antworteten Federer, dass diese Strenge ein Fehler der klassischen Musik sei. Was würden Sie gerne anders haben im Klassikbetrieb?

Das Abfilmen von Konzerten finde ich grundsätzlich störend und überflüssig, da die Aufnahmen in der Tonqualität grauenvoll sind. Es ist auch urheberrechtlich verboten. Darüber hinaus empfinde ich den Konzertbesuch allerdings häufig besonders im Vergleich zur Oper oder zum Ballett als befremdlich zurückhaltend seitens des Publikums. Ich persönlich finde es nicht schlimm, wenn zwischen den Sätzen geklatscht wird. Es geht nicht um das Befolgen eines Benimmknigge. Wenn man etwas großartig findet, kann man auch mal nach einem Konzert laut schreien vor Begeisterung. Das mache auch ich – und werde dafür manchmal schräg angeschaut.

In der Pandemie beklagten Sie die fehlende Wertschätzung der Musik. Hat sich nach Ihrer Meinung daran etwas verändert?

Besonders bitter ist es für uns Musiker, dass wir inzwischen wissen, dass das gesundheitlich begründete Wegsperren eine völlig falsche Entscheidung war – diesbezüglich ist auch Gesundheitsminister Karl Lauterbach inzwischen sehr viel einsichtiger. Natürlich verfügten wir damals auch nicht über das Wissen, das wir heute haben. In der Vergangenheit hat man Musiker in der Politik gerne als Kulturbotschafter eingesetzt, um ein gutes Klima für Wirtschaftsverhandlungen mit China oder Russland zu schaffen. Aber wenn die Musik den Politikern keinen direkten Nutzen bringt, wird sie als verzichtbar angesehen. Sir Simon Rattle hat kürzlich in einem Interview zu dem von der Landesregierung gestoppten neuen Konzertsaal in München gesagt, man scheint sich mit dem Erreichten zufriedenzugeben. Und das in einem Bundesland, das immer wieder die Wichtigkeit von Innovation betont.

Das Gespräch führte Georg Rudiger.

Konzert

am 26. Juni in der Isarphilharmonie, Karten unter Telefon 089/ 811 61 91;

Dokumentarfilm „Vivace“ am 25. Juni, 23.05 Uhr, in der ARD, danach ein Jahr lang in der Mediathek.

Artikel 7 von 9