Gehen wir kurz davon aus, dass die Vorwürfe gegen Lindemann stimmen. Ebenso wie die Unschuldsvermutung gilt, sollte gelten, möglichen Opfern zuzuhören. Da sind also Frauen, die dem Sänger verfallen sind. Groupies, die mitunter schon beim Anblick ihrer Stars in Ohnmacht fallen. Jetzt stelle man sich vor, dieser Star lüde einen zur Party ein. Naiv, hinzugehen? Stimmt. Aber unendlich abstoßend, diese Fans bewusst auszuwählen. Jeder Star hat Verantwortung, eigene Macht nicht auszunutzen. Also keine Frauen zu rekrutieren, denen vernebelt von Fan-Liebe gar nicht klar ist, worauf sie sich da gerade einlassen. Und dann, wie sie aus der Situation herauskommen.
Wer sich jetzt über die Naivität der Frauen erregt, folgt der immer gleichen Argumentationslinie: nachts allein heimradeln und vergewaltigt werden? Selbst schuld. Rock tragen und sexuell belästigt werden? Selbst schuld. Ich würde gern in einer Welt leben, in der Männer ihre Triebe im Griff haben und sich nicht über eine Frau hermachen, nur weil sie so hübsch und schutzlos ist.
Man kann sich abfällig amüsieren über „Awareness-Teams“ – doch die sind wichtig. Damit narzisstische Männer in ihrer Hybris nicht durchkommen. Und Frauen verstehen, dass Nein-Sagen okay ist. Egal, ob man zuvor geflirtet hat. Ein Mann muss damit umgehen können, dass man es sich auch kurz vor knapp noch anders überlegt.
Also aufs Konzert? Nein. Kunst und Künstler zu trennen fällt schwer, wenn der „Künstler“ über Sex mit von K.o.-Tropfen Ruhiggestellten dichtet – und das womöglich keine Fantasie war. Wobei sich Fans fragen sollten, warum man einer Band lauscht, die den Holocaust fürs Marketing missbraucht und von Sex mit Bewusstlosen fantasiert.
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