Mutig startet man auf Gut Immling in den diesjährigen Festspielsommer. Wo sonst Verdi und Puccini den Spielplan dominieren, wagte man sich nun mit der „Salome“ von Richard Strauss bewusst aus der eigenen Komfortzone und brach damit auch ein Stück weit mit der Erwartungshaltung des Publikums. Ein Wagnis, das am Premierenabend mit lautstarkem Applaus belohnt wurde, während der Vorstellung aber immer wieder auch für nervöses Murmeln im Saal gesorgt hatte. Denn das Team um Intendant Ludwig Baumann vertraut nicht allein auf das aus dem Graben schillernde exotische Lokalkolorit und spürt scharf analysierend den psychologischen Abgründen der biblischen Geschichte nach. Was an mehr als einer Stelle dann eben auch mal im positiven Sinne wehtun kann. Historisch nicht näher verortet, zeigt Baumann eine dystopisch dekadente Gesellschaft, die sich selbst feiert, während die Gegner des mit militärischer Härte durchgesetzten Systems das sündige Treiben durch Gitterstäbe verfolgen.
Jede Aufführung der „Salome“ steht und fällt natürlich mit der Titelheldin. Doch gerade um die zentrale Figur muss man sich hier keine Sorgen machen. Lidia Fridmann steht die kräftezehrende Partie ohne Mühen durch und legt im Laufe des Abends sogar noch zu. Ihre Salome ist kein störrischer Teenager, sondern eine zum frühen Erwachsenwerden gezwungene junge Frau, die sich emotional von der sie umgebenden Welt abschottet. Für diese Rollenauslegung ist Fridmanns dunkler Sopran das ideale Instrument, das zu Beginn metallisch kalt glänzt, dann aber bei ihren wiederholten Versuchen, Jochanaan zu umgarnen, ein ums andere Mal immer wieder neue Farben offenbart. Gekrönt von einem nuancierten Schlussgesang im nun blutgetränkten weißen Unterkleid.
Wobei es sicherlich hilft, dass ihr zuvor im Schleiertanz keine schweißtreibende Choreografie aufgebürdet wird. Stattdessen beobachtet man in den von Linua Land und Mariella Weiss gestalteten Filmprojektionen den angedeuteten Missbrauch Salomes durch Herodes. Begleitet von Fesselspielen, mit denen sie nun den Spieß umdreht und ihre Macht über den Stiefvater ausnutzt. Auch wenn der bereits die nächste junge Sklavin ins Visier genommen hat. Hans-Georg Priese leiht dem schmierigen Triebtäter dabei einen markanten Tenor und wird dank seiner darstellerischen Agilität zum eigentlichen Gegenspieler. Denn Rhys Jenkins bleibt als Jochanaan trotz voluminösem Bariton rollenbedingt eher passiv.
Ganz im Gegensatz zur Herodias von Kassandra Dimopoulo, die ihrem Gatten an berechnender Kälte in nichts nachsteht und sich als Revanche mit den jungen Soldaten vergnügt, denen sie das Blut von den Fingern leckt. In so einer Welt hat der mit seinen Gefühlen für Salome kämpfende Hauptmann Narraboth keine Chance, mag ihn Jon Jurgens auch noch so einschmeichelnd schwärmerisch singen.
Bleibt das Orchester, das selbst in der vom Komponisten autorisierten „kleinen“ Besetzung keinen Quadratzentimeter des Immlinger Grabens ungenutzt lässt. Aber Dirigentin Cornelia von Kerssenbrock beweist auch bei dieser Herausforderung wieder einmal ihre Souveränität am Pult und schafft es meist, eine gute Balance zwischen Orchester und Gesangsstimmen zu halten. Diese Zurückhaltung fällt erst im berühmten Tanz der sieben Schleier, wo sie mit ihren Musikerinnen und Musikern alle Register zieht. Dass nach diesem beeindruckenden Kraftakt bei den Streichern ein wenig die Puste ausgeht, mag der Nervosität des Premierenabends geschuldet sein und dürfte sich mit wachsender Routine glätten. Und hin und wieder lohnt es sich eben auch, die eigenen Grenzen mal ein wenig auszutesten. Dem Immlinger Kanon fügt diese „Salome“ auf jeden Fall einen interessanten Farbtupfer hinzu. In der Hoffnung, dass dieser Mut auch vom Publikum honoriert werden möge.
Weitere Aufführungen
am 16. und 24. Juni, 30. Juli und 11. August; Tickets und Infos unter www.immling.de und Telefon 08055/ 90 34 0.