Flucht ins Leben

von Redaktion

Christoph Hein blickt in seinem neuen Roman „Unterm Staub der Zeit“ auf seine Jugendzeit

VON SABINE DULTZ

„Herr, lass uns selbst bei diesem Essen deine Güte nicht vergessen, Amen.“ Das viele Beten und die dürftigen Mahlzeiten gehen den Jungen im evangelischen Internat im feinen Westberliner Stadtteil Grunewald zu weit, sodass sie ihre jeweiligen Fürbitten mit Spott und Ironie zu würzen wissen. Einer der dort untergebrachten Zöglinge ist Christoph Hein, der heute hochgeschätzte Berliner Schriftsteller. „Unterm Staub der Zeit“ heißt sein neuer Roman. Doch Spott und Ironie, vielleicht sogar Humor seine eigene Person betreffend sind ihm fremd. Dieses Buch ist der autobiografische Start in eine vermutlich groß angelegte Rückschau des 79-Jährigen auf sein Leben, in der er sich selbst übermäßig ernst nimmt.

Der Blick auf jene Jahre könnte interessant und spannend sein, denn „Unterm Staub der Zeit“ handelt von 1958 bis 1961. Selten ist von dieser Zeit die Rede, von dem Frontstadt-Leben in Westberlin, von den enormen Fluchtbewegungen von Ost nach West mit der S- oder U-Bahn über die offenen Berliner Sektorengrenzen. Wer weiß heute schon etwas über die jugendlichen Grenzgänger, die, da sie vielfach in ihrem DDR-Heimatort nicht zur Oberschule zugelassen wurden, nach Westberlin gingen, um dort das Gymnasium zu besuchen? Für „die aus der Sowjetzone“ gab es spezielle Klassen und Internate. Von diesem Leben, spartanisch und disziplinstreng, in der brisant verrückten Vier-Mächte-Stadt erzählt Hein, Pfarrerssohn aus Sachsen, der eigentlich wie seine Familie aus Schlesien stammt.

Er berichtet von den Jungs aus dem Sechserzimmer, von ihren Jobs zur Aufbesserung des Taschengelds, etwa als Zeitungsjunge abends durch die Kneipen ziehend, von kleinen Betrügereien und großen Konzerten wie dem legendären Auftritt von Bill Haley 1958 im Sportpalast. Und Hein beschreibt, wie er sich 14-jährig bereits als Schriftsteller fühlt und wie er sich als Montagabend-Hospitant in die kleine, Kudamm-nahe Vagantenbühne reintrickst. Er kolportiert sich in diesem Umfeld nicht nur als „Berater“ des Regisseurs, sondern hier findet der Gymnasiast in der jungen Schauspielerin Friederike auch seine Meisterin, die ihn in die geheimen Lüste und Machenschaften der Liebe einführt.

Als sein Pastorenpapa nach Ostberlin versetzt wird, quittiert der Sohn die evangelische Zuchtanstalt im Westen und zieht zur Familie, denn auch von dort lässt sich bequem mit den öffentlichen Verkehrsmitteln ins West-Gymnasium fahren. Dann aber der Schock: In der Nacht zum 13. August 1961 macht die DDR die Grenze dicht. Stacheldraht, Mauerbau und die bewaffnete Grenztruppe drohen mit Lebensgefahr. Für den 17-Jährigen, der gerade auf Hiddensee kampiert, ist an eine Rückkehr zur Westberliner Schule nicht zu denken. Die Möglichkeiten in Ostberlin sind aus politischen Gründen zunächst katastrophal. Abendschule zum Abitur ausgeschlossen. Eine Lehre seiner Wahl nicht genehmigt. Im „Guten Buch“ am Alexanderplatz kommt er schließlich schlecht bezahlt unter. Kurzzeitig mischt er mit beim so geheimen wie gefährlichen Fluchthilfegeschäft, bis er es aus Sicherheitsgründen aufgeben muss. Ein neuer Lebensabschnitt beginnt, irgendwie jedenfalls.

Das alles wäre eine hochinteressante Geschichte, ein toller Lesestoff. Aber erstaunlicherweise bleibt Christoph Hein im Aufsatzmäßigen stecken, in der vielleicht sogar beabsichtigten Redlichkeit seines eigenen Lebens. Er bringt diese damals schillernde Metropole, Schnittpunkt zwischen den Systemen, die mit ihrer Aura aus politischer Tristesse und forcierter Lebenslust so reich ausstaffierte Stadt literarisch nicht zum Leuchten. Hein erzählt brav und belehrend, in gestelzter Sprache und ein bisschen eitel noch dazu. Dass er seinem Alter Ego den Namen Daniel gibt und den älteren Bruder David nennt, weist auf den religiösen Aspekt des Themas hin. Zum Ende nimmt der Roman an Fahrt auf, wenn Hein die Turbulenzen nach der Grenzschließung beschreibt. Sie währte immerhin 48 Jahre.

Ärgerlich ist leider eine gewisse Flüchtigkeit: neben manch unnötiger, vermutlich unbeabsichtigter Wiederholung auch die eine oder andere „Falschmeldung“. Da wird beispielsweise Leonid Breschnew schon 1958 zum weltmächtigen Generalsekretär der KPdSU gemacht, sechs Jahre früher als in Wirklichkeit. Das dürfte kein Lektor seinem noch so berühmten Autor durchgehen lassen.

Christoph Hein:

„Unterm Staub der Zeit“. Suhrkamp Verlag, Berlin, 221 Seiten; 24 Euro.

Im Zentrum steht die geteilte Stadt Berlin 1958 bis 1961

Alltag am Schnittpunkt der politischen Systeme

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