„Das ist aber eine sehr freundliche Begrüßung.“ Sagt’s und zeigt das schelmische Otto-Grinsen. Der Ottifanten-Papa ist in Bernried – und alle flippen aus. So viele Fernsehteams wie am Freitagvormittag hat das dortige Buchheim Museum wohl noch nie zur selben Zeit dagehabt. Und man lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster des Traumanwesens direkt am Starnberger See, wenn man voraussagt: Die Ausstellung, die von diesem Wochenende an zu sehen ist, wird der größte Erfolg seit Eröffnung des Museums vor rund 20 Jahren.
Hin da!, lautet der Appell an alle Kleinen und Großen, Fröhlichen und gerade nicht so Fröhlichen, Kunstkenner und totalen Laien in Bezug auf manchmal unnötig komplizierte Sachen wie Epochen, Stile, Maltechniken. Das ist nämlich das Erstaunliche und zugleich Reizvolle an der fantastischen neuen Schau im Museum der Fantasie: Hier entdeckt jeder, der meint, kein Vorwissen zu haben, wie viel er in Wahrheit doch kennt aus der reichen Kunstgeschichte. Und wie viel Spaß es macht, gedanklich Bezüge herzustellen. Wenn aus Caspar David Friedrichs „Wanderer über dem Nebelmeer“ (1818) das Selbstporträt eines uns allen wohlbekannten Friesenjungen wird zum Beispiel; oder Vermeers Dienstmagd die Milch nicht aus einem Krug, sondern aus dem Rüssel eines handlichen Ottifanten fließen lässt. Eine Runde Kunstgeschichte mit Otto Waalkes. Müsste es eigentlich auf Rezept geben. Tut Hirn und Herzen gut.
Vielleicht schaut Waalkes, der am 22. Juli seinen 75. Geburtstag feiert, deshalb so frisch und munter aus und lässt den Interviewmarathon tiefenentspannt über sich ergehen: Weil er schon immer das gemacht hat, was ihn selbst beglückt. „Dass ich mit dem, was ich liebe, meinen Lebensunterhalt bestreiten kann, ist ein großes Glück“, betont er – und in diesem Moment scheint die Kunstfigur Otto für einen kurzen Augenblick verschwunden und Otto Gerhard Waalkes seine ehrliche Dankbarkeit zu zeigen. Aber vielleicht gibt es dieses Alter Ego ja auch gar nicht und der Mann, der seit mehr als fünf Jahrzehnten als Komiker, Musiker, Filmemacher Millionen amüsiert, ist genau so, wie er in Bernried daher kommt; ein nahbarer Menschenfreund, der doch nur spielen möchte – sich selbst und uns allen zur Freude.
In den vergangenen Jahren tut er das zunehmend als Bildender Künstler. „Das ist eine Entspannung nach dem ständigen Touren. Beim Malen und Zeichnen kann ich meinen Geist herausfordern, ohne meinen Körper zu strapazieren. Eine ostfriesische Überlebenskunst!“
Beeindruckt spaziert man durch die Ausstellungsräume im Untergeschoss des Museums. Dort, wo sonst die Expressionisten grüßen, hängen jetzt Waalkes’ Malereien und Zeichnungen. Im Stil der Alten Meister hat er sie angefertigt, handwerklich famos, und immer voller Witz und Finesse. Weil wir Menschen Könige im Kategorisieren sind, bekommt auch Otto Waalkes’ Werk einen Stempel aufgedrückt: „Komische Kunst“ nennt sich das dann. Da geht’s ihm wie einem seiner Vorbilder, dem Münchner Rudi Hurzlmeier. Weil viele Museumsverantwortliche mit Komik gleich eine Herabwürdigung der künstlerischen Qualität zu assoziieren scheinen, gibt’s hierzulande kaum bis nie Ausstellungen von sogenannten komischen Künstlern wie Waalkes und Hurzlmeier. Ein Glück also, dass Museumschef Daniel J. Schreiber und seinem Team solch ein Schubladendenken völlig schnuppe ist. Im vergangenen Jahr stellten sie Hurzlmeiers Arbeiten aus.
Otto Waalkes kam als Fan an den Starnberger See. Blöderweise an einem Montag. Als Schreiber davon erfuhr, dass der große Komiker in seinem Haus vor verschlossenen Türen gestanden hatte, lud er Otto zur Privatführung ein. Der lehnte dankend ab, kam noch mal, als regulär geöffnet war, und mischte sich unters Publikum. Bloß kein Promi-Bonus. Und so kann es gut sein, dass er auch während der Dauer seiner eigenen Ausstellung plötzlich neben einem steht. „Ich werde öfter vorbeischauen“, kündigt er an. Seine Stimme jedenfalls ist immer da: Er hat den Audioguide eingesprochen, wer mag, kann sich vom Künstler höchstpersönlich durch die Schau führen lassen.
Da erfährt man dann auch, wie er diese „unbezahlbare Kunst“ („Ich kann sie jedenfalls nicht bezahlen“) anfertigt. Er hat’s ja mal studiert, damals an der Hochschule für bildende Künste in Hamburg. Doch um das Studium zu finanzieren, trat er schon als junger Spund in Kneipen auf – und war bald so erfolgreich, dass das mit dem Kunststudium sich irgendwann erledigte. Die Leidenschaft für die Leinwand aber, sie blieb. Wie sein Spezl Udo Lindenberg, von dem gleich mehrere Porträts unter den insgesamt rund 200 ausgestellten Gemälden und Zeichnungen sind, hat Waalkes die Techniken der Alten Meister drauf. Während Udo an der Staffelei mit Likörchen hantiert, grundiert der Ostfriese stilecht mit Tee. „Bei mir ist selbst die Grundierung jugendfrei!“ Wobei, ein bisschen erotisch darf’s schon auch werden in seinen Bildern. Egal, ob die Motive aus der Kunstgeschichte übernommen und ottisiert wurden. Oder ob es seine eigenen sind. Wie bei den langen Frauenbeinen, eine Rückansicht. Der schwarze Faden der durchsichtigen Strümpfe, der sich vom Oberschenkel zu den Knöcheln zieht, ist in Wahrheit gar nicht textil, sondern aufgemalt – von einem klitzekleinen Ottifanten, der auf einem Leiterchen gerade sein Kunstwerk beendet. Unverkennbar: Der Otto mag die Frauen.
„Ich war immer der Kleinste in der Klasse und musste irgendwie auf mich aufmerksam machen“, erinnert er sich auf die Frage, warum er überhaupt einst angefangen hat mit dem Musizieren, den Witzeleien, dem Malen. Dass er inzwischen ein ganz Großer ist, spätestens jetzt hat er’s bewiesen. „In einem bayerischen Museum meine Werke zeigen zu dürfen: Das ist ein kleiner Schritt für die Menschheit, aber ein großer Schritt für einen ostfriesischen Maler.“ Und für uns Besucher: ein Genuss. Hin da.
Bis 5. November
Am Hirschgarten 1, Bernried; Di.-So. 10-18 Uhr; Das Begleitprogramm inklusive Malkurs und Gewinnspiel gibt es unter www.buchheimmuseum.de