Grauen liegt in der Luft

von Redaktion

Nach dem Tod von William Friedkin: Hier gruselt sich unsere Kulturredaktion

Ein halbes Jahrhundert ist es her, dass „Der Exorzist“ ins Kino kam. Wer die Presseberichte von damals liest, erfährt von Zuschauern, die davonliefen oder in den Sälen kollabierten. Manche Kinobesitzer sollen gar Eimer mit Katzenstreu bereitgestellt haben – für jene, die ihr Essen nicht bei sich behalten konnten. Der Film, in dem Max von Sydow (1929-2020) Pater Merrin spielt, der eine Teufelsaustreibung an einer Zwölfjährigen vornimmt, erhielt zwei Oscars, wurde weltweit ein Erfolg, ist heute ein Meilenstein des Horrorfilm-Genres und gehört somit längst zum Kanon des Kinos. „Der Exorzist“ katapultierte William Friedkin 1973 endgültig in die erste Liga der jungen, wilden Regisseure des „New Hollywood“. Nach dem Tod des Filmemachers (wir berichteten) haben wir unsere Redakteurinnen und Redakteure gefragt, bei welchen Produktionen sie das Grauen packt – und beginnen unsere Gruseltour natürlich mit Friedkin.

„Der Exorzist“

Klar, der Film hat wüste Szenen – und natürlich widern die mich noch heute an: Etwa wenn die junge Regan sich schwallartig auf Pater Merrin erbricht, wenn sie sich wieder und wieder das Kruzifix in den Unterleib rammt. Friedkin inszenierte diese Momente aber nebenbei, seine Regie war nicht auf Ekel ausgerichtet, wie bei so vielen späteren Werken des Genres. Deshalb funktioniert „Der Exorzist“ bis heute. Das wirklich Schockierende des Films aber ist das, was auf einer zweiten Ebene erzählt wird: Denn hier wird berichtet von der Angst des Mannes vor dem Erwachen der weiblichen Sexualität in der Pubertät, von der Ablehnung der Psychotherapie als Heilmethode (der Psychiater ist ein Dummschwätzer), und es wird ein Loblied gesungen auf das traditionelle, religiös geprägte Familienbild. Inzwischen weiß ich, dass Friedkin damit die Stimmung in den USA unter Reagan vorweggenommen hat. Ähnliche Tendenzen gibt’s heute auch (wieder). Und das ist viel gruseliger als ausgekotzte Erbsensuppe. MICHAEL SCHLEICHER

„Der weiße Hai“

Früher war alles besser – nur nicht das Gespür meiner Großmutter für die Belastbarkeit des kindlichen Nervenkostüms. Während Nachkriegs-Omi fröhlich Eierlikör in der Küche schlürfte, schauten meine Schwester und ich im Wohnzimmer „Der weiße Hai“. Das Ungeheuer aus dem Meer fräste sich nicht nur durch die planschenden Badegäste von Amity Island, sondern direkt in unser Gehirn. Steven Spielbergs Horrorszenario von 1975 hatte weitreichende Folgen für meine Schwester (damals 14) und mich (8). Wir verbrachten im Anschluss an die Ferien bei meiner Oma den Badeurlaub an der dänischen Nordsee – ohne auch nur den großen Zeh ins Wasser zu hängen. Und ja, bis heute liebt es mein Unterbewusstsein, mir beim Schwimmen in ungekachelten Gewässern John Williams’ bedrohliche Filmmusik vorzuspielen. ASTRID KISTNER

„Aktenzeichen XY“

Meine erste Begegnung mit dem Bösen war ein Fall aus Eduard Zimmermanns „Aktenzeichen XY … ungelöst“ im ZDF. Eine Frau hatte ihren schlafenden Mann im Bett mit einem Beil erschlagen. Oder war es umgekehrt? Jedenfalls war ich um die acht Jahre alt und verbrachte die Ferien bei meinen Großeltern. Es war spät, und ich weiß nicht mehr, warum ich nochmals aufstand. Durch die angelehnte Wohnzimmertür konnte ich Omi und Opi selig schnarchend in ihren Sesseln erkennen. Der Fernseher flimmerte, Zimmermann erzählte mit ernster Stimme und blickte streng durch seine Brille, dann folgte die Szene: Das Bild, wie die Person immer und immer wieder auf den Hals des leblosen Körpers einschlug, habe ich nie vergessen. Ich flüchtete ins Bett unter die Decke, hörte auf knarzende Dielen und spürte eine Angst vor der Welt wie nie zuvor. KATRIN BASARAN

„Poltergeist“

Ganz ehrlich? Allein über diesen Film zu schreiben, macht mir ein bisschen Angst. Ein Fluch, heißt es – vielleicht auch nur aus Marketingzwecken – laste auf all jenen, die den Kino-Horror „Poltergeist“ 1982 zum Leben erweckten. Kinderstar Heather O’Rourke, die im Film als zuckersüßes blondes Mädchen über den rauschenden Fernseher Kontakt zur Geisterwelt aufnimmt, starb mit nur zwölf Jahren an einem Darmverschluss. Weitere ihrer Kollegen weilen nicht mehr unter den Lebenden. Deshalb habe ich zwei einfache Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Ich meide Wohngebäude, die auf ehemaligen Indianer-Friedhöfen stehen, und lasse NIEMALS den Fernseher über Nacht laufen. ASTRID KISTNER

„Es“

Clowns sind gruselig. Überall. Punkt. MICHAEL SCHLEICHER

„Scream“

Ich kann nach Freddy Krüger gut schlafen, finde Michael Myers leider langweilig und lasse mich von Mörderpuppe Chucky gepflegt amüsieren. Aber Teen-Horror ist für mich eine emotionale Herausforderung: „Scream“ von 1996 gilt heute als bahnbrechend, ein Jahr später folgte „Ich weiß, was du letzten Sommer getan hast“. Als die Filme ins Kino kamen, war ich altersmäßig noch nicht so weit von den Protagonisten entfernt, als dass mir ihre Welt völlig fremd gewesen wäre. Der Gedanke also, dass engste Freunde, mit denen du gestern noch geweint, gelästert und gelacht hast, dir scheinbar aus dem Nichts heraus das Messer in den Leib rammen und am besten noch an einem scheinbar sicheren Ort wie dem eigenen Zuhause, ist zutiefst verstörend. Das Töten aus Spaß oder Rache, perfekt und perfide inszeniert und ohne Mitleid grausam vollstreckt – das ist für mich Horror pur! Eine Konsequenz übrigens: Ich gehe nie ans Telefon, wenn die Nummer unterdrückt ist. KATRIN BASARAN

„Salome“

Judäische Prinzessin lässt Propheten enthaupten, um seinen bluttriefenden Kopf zu küssen: Eine ideale Schlachtplatte sei dies doch für William Friedkin, dachte sich die Bayerische Staatsoper – und holte ihn 2006 für sein Musiktheaterdebüt. Doch Richard Strauss’ „Salome“, gekoppelt mit„Das Gehege“ von Wolfgang Rihm, war für mich alles andere als ein Bühnenschocker. Friedkin inszenierte treubrav am Text entlang, bieder, als ob Strauss und Vorlagedichter Oscar Wilde aufs Biopic eines naseweisen Blaubluts zielten. Die zwei Erkenntnisse des Abends: Der Mann kann zwar kleine Mädchen speien lassen, hat aber zu viel Respekt vor der Oper – und sollte wieder ans Filmset. MARKUS THIEL

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