Zeitenwende – auch im Tanz? Drei Jahre Pandemie, das war schmerzhaft, besonders für die freischaffenden Choreografen. Die berufliche Einschränkung oder gar Verhinderung hat jedoch offensichtlich die Kreativität und die Begeisterung für den Tanz neu angespornt. Wie jetzt erlebt in der Münchner Tanzwerkstatt Europa (TWE). Deren Leiter Walter Heun erweiterte das Workshop-Programm mit neuen Stil-Angeboten. Und in den eingeladenen Choreografien lässt sich ein Aufbruch in eine neue Etappe des zeitgenössischen Tanzes erkennen.
Schon in den Achtzigerjahren ist der freie Tanz athletischer geworden. Man erinnert den Belgier Vim Vandekeybus 1987 im Münchner Marstall, wo seine Ultima Vez mit backsteinähnlichen Quadern sportlich hantierte. Sein Landsmann Alexander Vantournhout präsentierte jetzt beim TWE-Auftakt eine aus den Mitteln der Zirkus-Akrobatik erstellte abendfüllende Choreografie (wir berichteten).
Diese körperliche Ultra-Geschicklichkeit wird nun jenseits des Show-Effekts auch zum Ausdruck von Traumata. So in „Emma’s Jaw“ von Cola Ho Lok Yee aus Hongkong. Die zierliche, auch in ihrer Bodenbewegung außergewöhnlich elastische Tänzerin spielt schließlich – so unsere Deutung – einen Suizidversuch: Bis über den Kopf in einen weißen wasserdichten Anzug geschlüpft, füllt sie selbst mit einem angeschlossenen Schlauch Wasser in die obere Öffnung ihrer Ausrüstung. Wenn sie nach Luft schnappend die Prozedur abbricht, atmet man regelrecht auf. Die Nachrichtenbilder der revoltierenden Jugend gegen Chinas Vereinnahmung Hongkongs sind wohl bei jedem gespeichert.
Tanzender Widerstand auch bei der 27-jährigen Ukrainerin Daria Koval. Mit dem polnischen Choreografen Maciej Kuzminski entwarf sie ihr zweiteiliges Solo: eine fast ironische Erinnerung an volkstümlichen Tanz ihrer Heimat, gefolgt von einer körperlich wild zerrissenen Klage über ihr durch den russischen Angriffskrieg verwundetes Land. Auch das Duett „Scáling“ (Erklimmen) von Markéta Stránská und Charlie Morrissey stuft man als politisches Statement ein: Stránská, die ein Bein verloren hat, legt die Krücken ab. Und über ihre Behinderung hinweg entwickelt sich ganz selbstverständlich eine komplexe Paarbeziehung zwischen Führung, Anlehnung, Stütze und Hebung, Und immer in vollkommener Gelassenheit. Die Botschaft: Auch ein beeinträchtigter Körper kann tanzen.
Solche politisch und gesellschaftskritisch engagierten Choreografien gab es auch schon mal in den Zwanziger- und Dreißigerjahren. Beispiel: Kurt Jooss mit seinem Ballett „Der grüne Tisch“ oder Jan Weidt, der kämpferische „Arbeiter-Choreograf“. Allerdings haben sich heute Schrittmaterial, die choreografischen Formen insgesamt verändert. Dann ein Blick übers Mittelmeer: Auch Taoufiq Izeddious „Border-Line“ ist auf zurückhaltende Weise ein politisches Stück. Wie seine kleine Truppe aus Marrakesch unentwegt um ein riesiges Bühnen-Viereck kreist, sich schließlich auch auf dieses schwarze Feld wagt, erzählt von schmerzhaften Grenzen zwischen dem privaten und öffentlichen Raum, unter dessen Regeln der Einzelne sich beugen muss.
Omar Rajeh tanzt das Leiden an seinem Land, dem seit Jahrzehnten geschundenen und zwischen verschiedenen Parteien aufgeriebenen Libanon. Tanzt aber auch die Liebe zu seiner Heimat, die Erinnerung an bessere Zeiten. Rajeh redet mit seinem unentwegt tanzenden Körper, der so zum Instrument des Überwindens und der seelischen Heilung wird.
Und dann noch ein Abend unter dem Titel „Who’s next?“ Heun hatte einen TWE-Auftritt von Nachwuchschoreografen ausgeschrieben. Aus über 90 Bewerbungen von Studierenden an Tanz- und Musikakademien wählte er mit seinem JointAdventures-Team sechs aus. Und so erlebte man im Schwere Reiter kurze Choreos: von abstrakten Bewegungsstudien, die Raumgefühl und Timing bewiesen, bis zu traumartigen Tanz-Skizzen und schriller und zugleich gesellschaftskritischer Comedy. Der freie Tanz hat, trotz Krisenzeiten, eine Zukunft.
Weitere Termine:
„Harmonia“ von Adrienn Hód, 9. August, Muffathalle; „Relationshifts“ von Ceren Oran, 9. und 10. August, Schwere Reiter; Final Lecture & Abschlussparty, 11. August, Muffathalle; Karten unter www.muenchenticket.de.