Der stille Revolutionär

von Redaktion

NACHRUF Zum Tod von Robbie Robertson, legendärer Musiker und Wegbegleiter von Bob Dylan

VON JOHANNES LÖHR

Als Robbie Robertson im Jahr 1976 zu der Erkenntnis kam, dass jetzt Schluss ist, fand sich zum Abschiedskonzert eine ganze Generation großer Sänger und Songschreiber ein: Bob Dylan, Joni Mitchell, Van Morrison, Neil Young, Emmylou Harris, Eric Clapton, Neil Diamond. Sie alle hatten ihm und seiner Band, die einfach nur The Band hieß, so viel zu verdanken. Der junge Erfolgsregisseur Martin Scorsese filmte das Ganze unter dem Titel „The last Waltz“, es war das Ende einer Ära.

Am Mittwoch dieser Woche war der letzte Walzer tatsächlich getanzt, Robbie Robertson ist im Alter von 80 Jahren gestorben. Ein unfassbares Musikerleben ist damit zu Ende gegangen – das den Lauf der Popgeschichte maßgeblich beeinflusste und doch vielen verborgen blieb.

Schon 1976 fragten sich manche, was zum Kuckuck Robertson da reitet, den Stecker zu ziehen. Ein Blick in die Gesichter, die Scorsese auf die Leinwand bannte, sagte freilich genug: Robertson hat Augenringe wie Schützengräben, Joni Mitchell streicht dem offensichtlich voll auf Koks spielenden Gitarristen mitleidig über die hohle Wange. The Band sahen immer aus wie Bürgerkriegsveteranen, aber mittlerweile fühlten sie sich auch so. Es reichte. Robertson sprach Scorsese in die Kamera: „Wir waren 16 Jahre unterwegs. Ich kann mir 20 Jahre nicht vorstellen.“

Der 1943 als Sohn einer amerikanischen Ureinwohnerin vom Stamm der Mohawk und eines jüdischen Vaters in Toronto geborene Jaime Robbie Robertson führte das Leben eines reisenden Rockers. 1959 verließ der Gitarrist die Schule, um mit dem kanadischen Sänger Ronnie Hawkins zu spielen. Dabei lernte er den Rest der Bande kennen.

Sie waren The Hawks, und sie blieben zusammen, auch als Bob Dylan sie 1965 mit auf Welttour nahm. Eine Feuertaufe: Teile des Publikums und die Männer auf der Bühne standen einander wie feindliche Streitmächte gegenüber. Folk-Puristen beschimpften den Sänger als Judas, weil er sich erdreistete, elektrisch verstärkte Musik zu machen. 1966 nahm Dylan Robertson mit ins Studio, um sein Meisterwerk „Blonde on Blonde“, das erste Pop-Doppelalbum, aufzunehmen.

Die Musik, die The Band 1967 in Dylans Scheune einspielte und auf der Platte „Music from Big Pink“ destillierte, schickte Schockwellen durch die Pop-Landschaft. Alte Balladen, Appalachen-Folk, Rumpel-Rock, Gospel: Kritiker Greil Marcus erkannte darin das „alte, unheimliche Amerika“. Songs wie „The Weight“ brachten die Beatles dazu, sich von der bunten Psychedelik ihres „Sgt. Peppers“-Albums abzuwenden und wieder ursprünglicheren Rock zu spielen. Eric Clapton löste aus denselben Gründen die Supergruppe Cream auf. Das zweite Album der Band konsolidierte ihren Ruhm mit Robertson-Songs wie „Up on Cripple Creek“ und „The Night they drove old Dixie down“ (das Juliane Werding hierzulande als „Am Tag als Conny Kramer starb“ zum Hit machte). Das „Americana“ genannte Genre, in dem noch heute Musiker die Wurzeln amerikanischer Musik anzapfen, hat hier seinen Ursprung. Seiner eigenen Stimme traute Songschreiber Robertson dabei nie – er ließ seine Kollegen singen. Ein stiller Revolutionär.

1976 war Schluss – und natürlich doch nicht. Robertson und Scorsese freundeten sich an, der Musiker half dem Regisseur bei Soundtracks, wirkte an „Wie ein wilder Stier“, „Casino“, „Shutter Island“, „The Wolf of Wall Street“ und anderen mit. Er machte fünf Solo-Alben, setzte sich für die amerikanischen Ureinwohner ein – ohne sich jedoch nochmals so zu ruinieren wie in seinem jungen Leben.

Nachdem Robertson nach langer schwerer Krankheit im Kreise seiner Familie in Los Angeles gestorben war, war die Anteilnahme groß – von Bill Clinton über Bryan Adams bis zu Joni Mitchell und Kiefer Sutherland. Martin Scorsese trifft es auf den Punkt: „Robbies Musik spielte eine zentrale Rolle in meinem Leben – meinem und dem von abermillionen Menschen auf der ganzen Welt.“

Artikel 4 von 6