Nach der Aufregung ist vor der Aufregung? München darf sich jedenfalls auf den Kunstherbst freuen: Wie berichtet, ist die Ausstellung „Jesus liebt“ des Malers, Filmemachers und Autors Rosa von Praunheim von 12. Oktober an in der Kunstbehandlung im Glockenbachviertel zu sehen. Die Werke sorgten im Juli in Nürnberg für einen mittelprächtigen Skandal, wo sie in der Kulturkirche St. Egidien gezeigt wurden. Nach massiver öffentlicher Kritik hat die Gemeinde entschieden, die Schau zunächst vorläufig, dann endgültig zu schließen.
Eine Entscheidung, die Martin Levec nicht nachvollziehen kann. „Wenn man eine Rosa-von-Praunheim-Ausstellung plant, dann bekommt man Rosa-von-Praunheim-Bilder. Das sind keine ,Blümchen-Bilder‘ oder ,Heiligen-Bildchen‘, sondern auch explizite Darstellungen“, sagt der Galerist der Kunstbehandlung im Gespräch mit unserer Zeitung. „Dass Teile der Bilder erst verhüllt wurden und die Ausstellung dann vorzeitig beendet wurde, ist ein Armutszeugnis und besagt, dass die Freiheit der Kunst mit Füßen getreten wurde. Das mit der Kunstfreiheit ist eine ganz spezielle Sache, die Kunst kann nämlich auch schon mal anecken.“
Thomas Zeitler, Pfarrer in St. Egidien, sieht das ähnlich und befürchtet im Interview mit der „taz“, dass der Versuch, „mit der Kulturkirche einen Ort der Freiheit zu etablieren“, nun in Gefahr sei. Als schwuler Pfarrer versuche er, Räume für queere Menschen zu gestalten. Ihn treffe daher die Schließung der Ausstellung doppelt: „Als Anwalt einer noch immer diskriminierten Minderheit und als Schwuler.“
Zurück nach München. Dort hat Martin Levec 1996 die Kunstbehandlung an der Müllerstraße 40 mitbegründet; damals Deutschlands erste Galerie für homoerotische Kunst. Der gelernte Buchhändler ist indes keiner dieser Galeristen, die sich ins Rampenlicht drängen. Im Gegenteil, ihm geht’s immer um die jeweiligen Künstler und deren Arbeiten. Bereits im vergangenen Jahr hat er eine Praunheim-Schau organisiert, zum 80. des Künstlers. „Sehr erfreulich waren die Reaktionen der Besucher“, erinnert sich Levec. „Rosa von Praunheim ist ja nicht irgendwer, er ist vielmehr ein Aushängeschild der Schwulenbewegung. Es war unglaublich zu erfahren, welchen Respekt und welche Dankbarkeit ihm seitens der Szene entgegengebracht wird.“ Für Oktober kündigt er nun an, nicht nur die „Skandal-Bilder“ zeigen zu wollen, sondern auch andere Werke. Und natürlich hofft er, dass von Praunheim, der 1971 mit seinem Film „Nicht der Homosexuelle ist pervers, sondern die Situation, in der er lebt“ zum Wegbereiter der queeren Bewegung in Deutschland wurde, dann in die Müllerstraße kommt. Nach der Aufregung ist vor der Aufregung? Danach sieht es derzeit nicht aus. Gut so.